"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Dienstag, 19. Februar 2013

[Rezension] Wahrheit wird völlig überbewertet (Heike Abidi)

Heike Abidi: Wahrheit wird völlig überbewertet

Dank des Droemer Knaur Verlags flatterte mir dieses neuste Werk aus der Feder Heike Abidis via Überraschungspost ins Haus. Da ich bereits mit dem Buch als Dringend-zu-lesendes-Exemplar geliebäugelt hatte, konnte ich mein Glück kaum fassen! 
Jenes Glücksgefühl potenzierte sich während des Lesens, wobei mich sowohl die geniale Ideenvielfalt der Autorin begeisterte als auch die sympathische Risikobereitschaft (wahlweise als Dreistigkeit zu bezeichnen) der Protagonistin zum schmunzelnden Kopfschütteln brachte. Aus diesem Grund sprengt der Unterhaltungswert dieses Romans die konventionelle Zehnerskala um Längen! Schließlich ist auch die Geschichte alles andere als konventionell gestrickt. 


~ Rezension ~

Ich mach' mir die Welt widdewidde wie sie mir gefällt ...

Alles beginnt mit einem kleinen Missverständnis an Tag 326 vor ihrem 40. Geburtstag: Friederike Engelbrecht - ihres Zeichens eine engagierte Mitarbeiterin bei Feronia-Versicherung und bekennendes Leckermäulchen - kommt durch unerwartete Umstände in andere Umstände. Und das nur, weil ihre Statur eher der eines Schokokusses als der einer Selleriestange gleicht. Sich allerdings mit dieser unverfroren angedichteten Schwangerschaft konfrontiert sehend, läuft Friederike zur Höchstform auf und spielt ihre Rolle erschreckend perfekt. Doch wie lange kann sie auf dem Drahtseil zwischen Wahrheit und Lüge balancieren? Schließlich dauert eine solche Schwangerschaft nicht endlos an! Da kommt Friederike eine neue Idee ...

Heike Abidi kreierte mit ihrer warmherzigen und dennoch abgedrehten Hauptfigur das wunderbare weibliche Pendant zu Baron Münchhausen. Denn für beide steht glasklar fest:  Wahrheit wird völlig überbewertet

Ich bin selten einer solch unterhaltsamen, brillanten und charmant ausgeklügelten Lügengeschichte begegnet wie in diesem Roman. Wie schnell sich aus einer kleinen Zufälligkeit ein Selbstläufer an (Lügen-) Geschichte wird, lässt uns Heike Abidi mit ihrem neusten Werk wissen. Unglaublich behände und witzig spinnt sie ein Netz aus Notlügen und unkommentierten Annahmen, vage ausgelegten Interpretationen und berechnend riskierenden Einsätzen. 

Die Protagonistin Friederike wird als ambitioniert und einfallsreich, aber ebenso als sehnsuchtsvoll und liebenswürdig präsentiert, sodass ihrer Lügengeschichte beizuwohnen ein höllisches Vergnügen ist. Obgleich der Showdown sich mit jeder neuen Verstrickung zuspitzt und die fingierte Babybombe in jedem Kapitel neu zu detonieren droht, so sieht man als Leser bei derartig amüsant aufgetischten Unwahrheiten nur allzu gern über die Moral der Wahrheit hinweg.

Seit ich das Buch in Händen hielt, war ich gespannt darauf, welche Hintertür die Autorin ihrer Figur gewähren würde, um dem eigens gedrehten Strick zu entkommen. Ein Geheimnis, welches sich erst kurz vor Schluss lüften sollte - wiederum ausgelöst durch eine Banalität.

Das Komplettpaket dieses humorvollen Romans ist durchweg stimmig. Uns allen vertraute Alltäglichkeiten werden durch flotte Eingebungen und niedliche Absurditäten ergänzt und sorgen somit für beste Laune. Hinzu kommen ein hitziges Potpourri aus eigenwilligen Figuren, ein Hauch romantischen Flairs, ausgelebtes Mutterglück und wie Zahnrädchen eines Uhrwerks ineinander greifende Zufälle, deren Bandbreite von drollig bis grotesk reicht.

Die offene, ehrliche und von knalligen Klischees durchsetzte Erzählung der Autorin verleiht dem Roman das erquickende Etwas. Ganz zu schweigen von der herrlich naiven, aber wirkungsvollen Logik, die Heike Abidi ihrer Hauptfigur zugedacht hat. Wundervoll vergnüglich!

Ein Roman, der definitiv anregt, den Alltag fantasievoller und experimentierfeudiger anzugehen und der kleine Notlügen durchaus legitimiert. Doch Vorsicht: Suchtgefahr nicht ausgeschlossen!

FZIT: Beflügelnd. Liebenswert. Verschlagen. 


Kommentare:

  1. Seit ich verheiratet bin, werde ich auch ständig gefragt, ob ich schon schwanger bin. Als ob das Eine, das Andere impliziert. *lach*
    Wäre ja mal wirklich witzig tatsächlich ja zu sagen. Eine sehr niedliche Idee von der Autorin. :)
    Lg.

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    1. Was für eine interessante Beobachtung. Dass das heute noch immer so gesehen wird ... Solltest du dieses Experiment eines schönen Tages wagen, musst du uns bitte über deine Erkenntnisse auf dem Laufenden halten. ;)

      Liebe Grüße zurück!

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Herzlichen Dank für deine Worte.