"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}
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Samstag, 4. Januar 2014

[Ich schreibe] "Ein magischer Moment"

Annika Bühnemann, Autorin des unterhaltsamen Romans Auf die Freundschaft, rief im vergangenen November zu einem Preisausschreiben auf, das meine Aufmerksamkeit sofort gewann. Es ging darum, die aus dem Roman bekannten Figuren in einer kleinen Episode entsprechend in Szene zu setzen.

Nun läutete sie das neue Jahr mit der Bekanntgabe der drei ersten Plätze ein. Ich schließe mich hier an und zeige euch [denjenigen, die ihn lesen möchten] einfach einmal meinen (mit dem zweiten Platz belohnten) Beitrag. Denn so ziemlich mit einem Schlag hatte ich jene magische Eingebung, die sich schlichtweg logisch anfühlte. Diese wiederum auf nur maximal drei Seiten auf den Punkt zu bringen, war dann die zugegebenermaßen größere Herausforderung.

Herzlichen Dank Annika Bühnemann für eine solch schöne Idee! Herzlichen Glückwunsch der Gewinnerin und ein Dankeschön allen Teilnehmern und Juroren! Denn ohne all die an den Tag gelegte Kreativität und Muße eurerseits wäre Annikas Aktion nur halb so lebendig gewesen.



Hier nun also mein Beitrag zum Preisausschreiben:



Auf die Freundschaft – Ein magischer Moment
Kora Kutschbach

Es würde ein Mädelsabend werden, den sie nie – Hannah hatte es mehrfach vehement betont – niemals vergessen würden. Und sie hatte, dem unablässigen Nachbohren ihrer drei Freundinnen zum Trotz, bis zum jetzigen Moment, in dem das Taxi die vier Frauen vor ihrem Lieblingsrestaurant abholte, geschwiegen wie ein Goldfisch. Sie hatte die Lippen versiegelt gehalten.
Die Idee zu jenem, wie sie selbst fand, Abend der Kategorie „Extraklasse“ war ihr kurz nach dem Showdown gekommen, der sich zwischen Claudia und ihrem Ach-so-reumütigen-einst-vom-Staat-angetrauten Ken abgespielt hatte. Nicht nur die beinahe von Claudia gewetzten Filetiermesser, sondern eben auch der in der Luft liegende und zum Schneiden dicke Reizfaktor aus Stress, Entrüstung und grollenden Rachegedanken, die nur sachte verebbten, hatten Hannah zu folgendem Schluss kommen lassen: Die vier Freundinnen – allen voran Claudia – hatten eine Auszeit bitter nötig. Da kam es ihr äußerst gelegen, dass ihr ein Anwaltskollege – zwar nicht gänzlich ohne Hintergedanken, aber immerhin – doch glatt vier Karten der heiß begehrten Mind-blowing Magic Show spendiert hatte. Eine wahnsinnig gute Show voller Illusionen und Knalleffekte, die Claudia, Karin, Maria und Hannah mit Sicherheit in eine andere Sphäre katapultieren würde. Wann, wenn nicht eingetaucht in eine Kulisse wie diese, könnte wohl offenkundiger behauptet werden, alle Probleme würden wie von Zauberhand ausradiert?
Als Hannah dann während der Taxifahrt durch die mit gleißendem Abendlicht gefluteten Straßen das wohl gehütete Geheimnis lüftete, blickte sie in Gesichter, die dem des Gemäldes Der Schrei von Edvard Munch haargenau glichen. Allerdings war der Gesichtsausdruck ihrer drei Begleiterinnen in vollem Umfang der schier sprachlos machenden Begeisterung zuzuschreiben. Nicht einem blanken Entsetzen. Karin schluckte heftig. Marias tellergroßen Augen wurden von einem hektischen Blinzeln geziert. Claudia klappte der Mund auf und zu.
Schließlich fand sie dann doch als erste die Worte wieder: „Hannah, du verrücktes Huhn, ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll? Du … du bist genial.“
„Weiß ich doch!“, entgegnete Hannah verschmitzt selbstbewusst, „Ehrlich, ihr müsstet euch sehen, Mädels. Zu ulkig. Stellt euch vor, ich hätte uns Karten für die Chippendales organisiert, dann wärt ihr aus der Gesichtslähmung gar nicht mehr herausgekommen.“
„Quatsch, Mind-blowing Magic ist eine Million Mal besser“, schaltete sich jetzt Karin ein, „ich liebe dieses Quäntchen Zauberei, das uns alles um uns herum vergessen lässt.“
Gesagt, getan. Treffender hätte Karin es wohl kaum prophezeien können. Die vier Freundinnen saßen, wenngleich es wenig ladylike wirkte, mit offenen Mündern und in die Stuhlpolster gekrallten Fingern in der ersten Reihe der Show. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Claudia hatte in der Zwischenzeit die Haltung eines professionellen Skispringers kurz vorm Erreichen des Schanzenendes eingenommen. Fasziniert folgte sie dem Geschehen auf der Bühne. Bis ...
„Lady. … Lady? Ja, Sie!“
Jetzt fühlte Claudia sich tatsächlich angesprochen und von zwei stahlblauen, mystisch wirkenden Augen förmlich durchbohrt. Sie schluckte, stand – wie von einem Puppenspieler geleitet auf –, zupfte sich ihren Blazer zurecht, warf ihr Haar in den Nacken und lächelte ihrem Gegenüber freundlich zu.
„Dürfte ich Sie vielleicht mit zu mir auf die Bühne bitten?“, fragte Dylan, ihr charismatischer Gastgeber des Abends, mit bestechend sympathischem britischen Akzent.
„Ja, natürlich. Gern.“ Mehr Worte kamen Claudia nicht über die Lippen. Schwebte sie?
„Lady, mit wem habe ich das Vergnügen?“, hakte Dylan interessiert nach.
„Mein Name ist Claudia.“
„Sie meinen Claudia wie Claudia Schiffer? Dann darf ich mich heute Abend wahrhaftig wie der große David Copperfield fühlen.“ Ein erheitertes Raunen ging durch den Saal. Claudia lächelte noch ein wenig breiter, während ihre Freundinnen ihr eifrig zuwinkten. Träumte sie?
„So, liebe Claudia, ich habe mir in den Kopf gesetzt, diesen Abend für Sie zu einem unvergesslichen zu machen“, holte Dylan vielsagend aus. „Wie wäre es, wenn wir gemeinsam ein Experiment wagen würden? Was meinen Sie?“
„Ja. Sehr gern“, entgegnete Claudia noch immer etwas perplex.
„Perfekt.“
Daraufhin bat Dylan Claudia, sich eine ihrer Jugendsünden bildlich wieder in Erinnerung zu rufen. Ooo-kay, dachte sie leicht irritiert. Claudia musste jedoch gar nicht lange überlegen. Augenblicklich schweiften ihre Gedanken zu diesem vermaledeiten Tattoo, das seit ihrer Verlobung mit Ken den Ansatz ihres großen Zehs am linken Bein zierte. Damals hatte sie wahrhaftig an die ewige Liebe geglaubt und sich Kens Namenszug in Form eines Zehenrings in die Haut stechen lassen. Lächerlich. Und spätestens seit ihrer Trennung eine Schmach bei jeder Pediküre, wenn die Kosmetikerin sie auf diesen originellen Liebesbeweis ansprach.
Jedenfalls wusste Claudia nicht erst seit heute, dass dieses Tattoo ebenso penetrant lästig war wie Kens ausufernden Märchenstunden. Vor ihrem geistigen Auge erschien nun also ihr tätowierter Zeh. Dylan bat sie jetzt das Bild in ihrem Kopf auf ein Blatt Papier zu skizzieren, es zu signieren und das Blatt anschließend in ein Kuvert zu stecken. Während das Kuvert von einer hübschen Assistentin in Gewahrsam genommen wurde, baute sich Dylan vor Claudia auf und schaute ihr tief in die Augen.
„Claudia, bitte stellen Sie sich jetzt vor, wie die von Ihnen aufgezeichnete Jugendsünde ihr Leben verändert hat!“
Ruhe im Saal. Claudia glaubte, jeder einzelne Zuschauer hätte ihren hämmernden Herzschlag hören können.
„Denken Sie nun fest daran, wie es gewesen wäre, hätten Sie damals rechtzeitig die Notbremse gezogen!“
Claudia schaute Dylan in die Augen. Mit höchster Konzentration. Während der Magier weiterhin gebannt in Claudias Augen sah, begann er allmählich sich seiner eigenen Schuhe und dann der Strümpfe zu entledigen. Anschließend ging er langsam in die Hocke und legte seine Hände auf ihre auberginefarbenen Pumps. Claudias Blick war auf Dylans Hände fixiert. Ihre Kinnlade klappte nach unten. Ganz unwillkürlich. Doch dann besann sie sich, dass nicht nur der Scheinwerfer, sondern mindestens 3.000 Augenpaare auf sie gerichtet waren. Abrupt schloss sie ihren Mund, konnte es allerdings nicht lassen, sich nervös auf die Unterlippe zu beißen.
Sekunden später stand Dylan erneut lächelnd vor Claudia und forderte sie auf, das Geheimnis um ihre nun „verblichene Jugendsünde“ zu lüften. Die Assistentin reichte ihr das Kuvert und Claudia förderte das Blatt Papier mit ihren nicht gerade preisverdächtigen Zeichenkünsten zutage. Nichtsdestotrotz waren ein Fuß samt Körperbemalung ansatzweise klar zu erahnen. Mit etwas Fantasie allemal.
Nun meinte der Magier, Claudia solle bitte einmal ihre Pumps, dann ihre Nylonstrümpfe ausziehen und dem Publikum das Original der Sünde präsentieren. Gespannt folgte sie in Windeseile den Anweisungen. Dann stockte ihr der Atem. Schockschwerenot. Das Tattoo war verschwunden. Nicht mehr da. Weg! Claudia hatte alle Mühe, dass sie jetzt nur nicht in Schnappatmung verfiel. Unfassbar. Wie in Stein gemeißelt stand sie auf der Bühne und starrte auf ihren Fuß.
Was sie seit Ewigkeiten mehr oder weniger erfolgreich versucht hatte, war Dylan binnen Sekunden gelungen. Er hatte Ken aus Claudias Leben ausradiert. Endgültig. Ohne großes Tamtam. Schlichtweg nicht zu glauben. Claudia fehlten die Worte, während es ihre Freundinnen nicht mehr auf den Stühlen hielt. Sie johlten, pfiffen und klatschten in die Hände als stünden leibhaftig die Chippendales vor ihnen auf der Bühne. Nein, das hier war besser. Viel besser. Phänomenal.


Donnerstag, 18. Oktober 2012

[News] "Lady in Red" auf dem Lande

Wie vor einem Weilchen versprochen lade ich euch an dieser Stelle in die Rote Beete ein, wo ihr gemeinsam mit Minka van Bommel das Landleben der Ineke Äppelboom einmal näher kennenlernen könnt. 
Die Geschichte selbst stellt in gewisser Weise eine kleine und mit zwinkerndem Auge zu sehende Hommage an das Leben auf dem Land dar. 
Ich persönlich mag das Leben abseits des Großstadtrummels total, ob nun so wie hier angepriesen oder doch in ein wenig abgewandelter Form, das lasse ich gerade einmal dahingestellt sein.
Hier nun also mein Beitrag zum Stadt, Land, ... Frau- Schreibwettbewerb 2012 von neobooks und LovelyBooks. 
Wer noch einmal lesen möchte, was genau hinter diesem Aktionismus meinerseits steckt, biegt bitte hier ab. ... In diesem Sinne: Frohes Lesen!


Lady in Red

Fröhlich summend krempelte sich Ineke die Ärmel ihrer rot-schwarz karierten Hemdbluse hoch und schloss dann die Tür zur Rote Beete, ihrem eigenen kleinen Geschäft für Bioprodukte aus der Region auf.
Die Rote Beete war der ganze Stolz der jungen quirligen Frau. Und nicht nur das. Das liebevoll geführte Geschäft, das den ungetrübten Geschmack des Landlebens anpries und erfolgreich an den Mann und die Frau in der Gegend brachte, hatte sich als wahrer Glücksgriff für die gesamte Gemeinde entpuppt. „Wem einmal ein Fleck rote Beete anhaftet, wird ihn eben nicht mehr los. Genau aus diesem Grund kommen wir nicht mehr los von deinem Lädchen“, pflegte Landwirt Pretz in bester Manier zu scherzen. Komplimente wie diese machten Ineke natürlich stolz, auch wenn sie ihrer herzlichen Kundschaft meist nur einen bescheidenen Dank entgegnete.
Ineke hatte den ehemaligen Dorfkonsum vor beinahe vier Jahren und im Anschluss an ihr Finanzmanagementstudium übernommen. Nicht, um ihre Kenntnisse knallhart auf dem Markt anzuwenden, sondern vielmehr um sich rebellierend und eine Fahne schwenkend gegen den engstirnigen Wunsch ihres Vaters, der seine Tochter bereits als bissige Börsenmaklerin sah, zu stellen. Und tatsächlich, es hatte gewirkt. Das Gesicht, das ihr Vater machte, als Ineke ihm von ihren Plänen erzählte, ist allein schon ausdruckskräftig genug gewesen, um ohne Zweifel für den nächsten Oscar nominiert zu werden.
Inekes Liebe zum herrlichen Landleben bestand seit dem Tag, an dem sie als Zweijährige beschwingt und kopfüber in einen Kuhfladen auf dem Bauernhof ihrer Großeltern gefallen ist.
Im Gegensatz zu ihrem Vater, der nicht schnell genug die Segel hatte streichen und dem Hof seiner Eltern hatte entfliehen können, blühte Ineke in einem dörflichen Idyll erst richtig auf. Daher kam ihr die Annonce „Biete Dorfladen in hervorragend ländlicher Lage gegen das Wissen um fürsorgliche Weiterführung“ im Tageskurier damals wie gerufen. Oma Isidor, wie die frühere Besitzerin von allen rührig genannt wurde, wollte ihr Lebenswerk einfach nur in guten Händen wissen. Mehr nicht. Seither hatte Ineke zwar eine Generalüberholung und einen leichten Imagewandel hin zur zeitgemäßen Nachfrage nach ökologisch wertvollen Lebensmitteln und Alltagsprodukten vorgenommen, führte die Rote Beete jedoch mit gleicher Hingabe und Herzlichkeit. Die Flitzidee, wie ihr Vater das Geschäft vom ersten Tage an nannte, hatte sich beharrlich verankert und ist Inekes Fels in der Brandung geworden.

***


Mit skeptischem Blick und zusammengekniffenen Mundwinkeln sah Minka van Bommel aus dem Seitenfenster ihres Autos, während das Vehikel dumpf über die Feldsteinstraße ins Dorf hinein holperte und Heiko, ihr Kameramann, im Takt der Radiomusik aufs Lenkrad trommelte.
Minka war der momentane Stern am Himmel des bundesweit größten privaten Fernsehsenders. Sie moderierte nicht nur ein an drei Wochentagen ausgestrahltes Lifestyle- Magazin, sondern führte auch regelmäßig durch große Specials des Senders. Dieses Mal drehten sie und Heiko eine vierteilige Dokumentation, die mit jungen Menschen aufwartete, die in Extremsituationen lebten.
Ehrlich, für Minka bedeuteten Vogelgezwitscher, Traktorgetöse und Latzhose das absolute und wahrlich extreme Kontrastprogramm zu ihrem eigenen Auftreten. Der Filmbeitrag über diese Lady in Red, wie sie in internen Besprechungen genannt wurde, passte dementsprechend perfekt in das Profil der Sendung.
Nervös richtete Minka ihre elegante Hochsteckfrisur und strich sich den apricotfarbenen Blazer glatt, als sie aus dem Auto stieg. Heiko hatte den Wagen allerdings derart gekonnt geparkt, dass sie augenblicklich in eine Pfütze stieg und die Designerpumps sich somit im wahrsten Sinne des Wortes gewaschen hatten. „Herrgott“, grummelte Minka, rief sich im nächsten Moment jedoch dazu auf, um alles in der Welt – komme, was wolle – die Fassung zu bewahren.

***

„Hallo-oo, ist hier jemand“, trällerte Minka beinah übertrieben enthusiastisch, während sie weniger euphorisch durch die weit geöffnete Tür in die Rote Beete schaute. Ihr suchender Blick blieb sofort an einem rustikalen aber zugleich stilvollen Verkaufstresen hängen, auf dem eine scheinbar antike Kasse stand.
„Komm’ nur rein! Nicht so schüchtern, Mädchen!“, entgegnete ihr eine Reibeisenstimme.
Eine Sekunde später erschien hinter dem Regal ein Hüne mit rauschendem Bart, breitem Grinsen und ausgetretenen Gummistiefeln, die Minka gut und gerne als Einpersonenkajak hätte benutzen können.
„Äh, guten Tag“, Minka bemühte sich um Kontenance und versuchte gleichzeitig sich des Kohlgeruchs zu entziehen, den der Korb neben ihr verströmte. „Wir, mein Kollege und ich, kommen vom Fernsehen und sind auf der Suche nach Ineke Äppelboom. Wissen Sie zufällig – “ Doch schon unterbrach der Hüne sie und rief durch eine zweite Tür in den hinteren Teil des Geschäfts: „Hey Kleine, hier sind zwei Herrschaften, die ins Fernsehen wollen. Kannst du denen vielleicht weiterhelfen?“
„Nein, nein, wir wollen nicht ins Fernsehen. Wir kommen vom Fernsehen!“, erklärte Minka zum zweiten Mal und jetzt doch deutlich brüskiert.
„Ach so“, brummte der Hüne gelassen, „wie auch immer, ich muss jetzt los. Meine Liebchen rufen.“
Irritiert warf Minka Heiko einen Blick zu, der die Kamera geschultert hatte und interessiert eine erste Patrouille durch die Rote Beete unternahm. Schließlich entschied sich die Moderatorin zu einem schlichten Lächeln und einem eher einsilbigen: „Na dann, Ihnen einen reizenden Tag.“ Woraufhin der Hüne in Gummistiefeln johlend erwiderte: „Sie sind mir ja eine, reizend. Also dann, reingehau’n Liebchen.“

***

Wenig später, Minka hatte sich gerade von der Begegnung der etwas anderen Art erholt, kam Ineke mit zwei Prachtexemplaren an Zucchini im Arm in den Verkaufsraum geeilt. Ihre Wangen in ein gesundes rosé gefärbt und ein paar widerspenstige Haarsträhnen ins Gesicht fallend. ‚Ach Gottchen, aber auf jeden Fall ein Hingucker’, dachte Minka spitz. ‚Sieh an, sieh an’, sagte sich Heiko in Gedanken und nickte zur Begrüßung positiv angetan.
„Entschuldigen Sie, bitte“, Ineke streifte sich die Hände an ihrer olivegrünen Latzhose ab und begrüßte die beiden dann guter Dinge.
„Keine Ursache, wirklich nicht“, offerierte Heiko rasch.
„Das ist doch nicht tragisch“, ergänzte Minka, „die Gurkenernte geht schließlich vor. Sie züchten wohl besonders gigantische Exemplare? Irgendein Geheimrezept? Vielleicht die gute Landluft?“
„Danke, aber das sind Zucchini, keine Gurken. Die hervorragende Landluft kommt uns wahrscheinlich dennoch zugute“, überspielte Ineke gekonnt den Fauxpas der Moderatorin und strahlte willkommen heißend.
„So, da wären wir nun. Mein Name ist Minka van Bommel und das ist mein Kollege Heiko Trott. Wie verabredet sind wir heute hier, um Sie und die Rote Beete für unseren Sonderbeitrag Leben extrem auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu heben“, erläuterte Minka, die sich nun gänzlich in ihrem Element befand.
„Das freut mich“, entgegnete Ineke, „allerdings sehe ich nicht wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Titel Ihrer Sendung und meinen Wirken hier.“
„Ach was“, Minka winkte aufgeregt ab, „nicht so bescheiden. Sie passen in das Format wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Oder sollte ich sagen wie die Karotte in den Gemüseeintopf?“ Sie lachte kurz auf. „Sie sind jung, dynamisch, innovativ und haben sich eben dieser extremen Lebensweise hier verschrieben. Sie sind unsere Frau!“
„So, so“, Ineke musterte die sich in Rage redende Moderatorin mit den himbeerpinken Lippen und den spinnenbeinlangen Wimpern aufmerksam, „Jung – das passt. Dynamisch – wenn Sie so wollen. Innovativ – in gewisser Weise. Aber was bitte meinen Sie mit extremer Lebensweise?“ Neugierig und in sich ruhend erwartete Ineke die Antwort. Immerhin war das nicht die erste nette, jedoch zutiefst unwissende Person, die ihr mit einem derart verschrobenen Weltbild argumentierte.
Minka trat einen Schritt näher an Ineke heran und sprach in einem ruhigen, nahezu verschwörerisch wirkenden Ton auf sie ein: „Nun, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, Sie müssen zugeben, dass Sie doch einen recht unkonventionellen Lebensstil pflegen. Als Absolventin einer Elitehochschule haben Sie sich entschlossen, dem pulsierenden Stadtleben samt all dessen Optionen auf Karriere und flippiger Vielfalt in Sachen Freizeitgestaltung den Rücken zuzukehren. Sie haben eisernen Willen und Biss bewiesen und haben sich eigenständig ihre eigene kleine Oase, wie sie es in unserem ersten Telefongespräch genannt haben, geschaffen. Hier inmitten eingefleischter, traditionsbewusster Landwirte, die einem ungehobelt daherkommen können. Sie verzichten auf jeglichen Luxus und arbeiten hart für ein eher durchschnittliches Einkommen. Soziale Kontakte müssen Sie entbehren und unterhaltsame Abende in gepflegter Gesellschaft sind rar. Wir denken schon, dass das alles extreme Bedingungen sind und Ihre Rote Beete daher für unser Format wie gemacht ist.“
Am liebsten hätte Ineke schallend losgelacht. Doch sie wollte der guten Frau nun auch nicht in ländlicher Holzhammermanier vor den Kopf stoßen, sonst hätte sie all jenen drolligen Unsinn gegebenenfalls noch bestätigt gesehen. Daher beschloss Ineke, die doch innerlich sehr schmunzeln musste, diplomatisch vorzugehen.
„Vielleicht sollte ich uns erst einmal einen Milchkaffee machen und dann können wir meine Extremsituation hier vor Ort vielleicht mit ein wenig mehr Gelassenheit nochmals erörtern.“
„Nun ja, äh, gerne. Milchkaffee klingt … wie soll ich sagen … Milchkaffee klingt stilvoll“, erwiderte Minka und schaute Hilfe suchend zu Heiko.
„Genau, ich stimme euch beiden zu. Erst einmal einen Milchkaffee in aller Gelassenheit und dann sieht die Welt schon ganz anders aus“, pflichtete der Kameramann entschlossen bei.
„Prima, ich bin in einem Moment zurück. Sie können sich derweil gerne ein wenig umsehen. Lassen Sie es mich nur wissen, falls Sie Interesse an einer Zucchini, einer Gurke oder einem Glas Holunderblütengelee haben.“ Grinsend verschwand Ineke hinter dem Vorhang aus laminierten Postkarten aus aller Welt.

***

Minka und Heiko nutzten die Gelegenheit und sahen sich im Geschäft um und nahmen dabei schon den ersten Einspieler für die spätere Sendung auf.
„Einen wunderschönen guten Tag liebe Zuschauerinnen und Zuschauer daheim vor den Bildschirmen. Mein Name ist Minka van Bommel und Sie schauen unser Special zu Leben extrem. Gemeinsam mit uns sind Sie heute zu Gast im beschaulichen Heuhausen, wo es sich eine taffe junge Frau zur Aufgabe gemacht hat, die hiesige Landbevölkerung mit allerlei Köstlichem und Behaglichen vom Lande zu versorgen.“ Minka sprach selbstbewusst in die Kamera und hielt dabei abwechselnd ein Glas eingelegter Tomaten und einen kuscheligen Wollschal ins Bild. „Während ihre Altersgenossen unbeschwert das Großstadtflair genießen oder um die Welt jetten, stellt Ineke Äppelboom sich einem Alltag, in dem Kohlköpfe, Wind-und-Wetter-Creme und Möchtegerncasanovas – Minka dachte dabei unwillkürlich an diesen Hünen und seine Liebchen – ihr Leben bestimmen. Extreme Bedingungen, denen sich diese sympathische Frau entgegenstellt. Aber sehen Sie selbst.“ Gegebenfalls noch ein Schnitt und im Nachhinein würde hier der Filmbeitrag eingearbeitet werden.

***

Als Ineke wenig später drei große Tassen Milchkaffee und einen Teller mit frischen Quark-Kirsch-Waffeln durch das Geschäft balancierte, lief Minka das Wasser im Mund zusammen. Köstlich duftete das. Sie hätte es nicht für möglich gehalten hier, in dieser doch recht beschaulichen Gegend – und das war milde ausgedrückt – einen derart modernen Imbiss serviert zu bekommen. Irgendwie hätte sie doch eher auf Kamillentee und staubtrockene Mandelplätzchen gewettet. ‚Nun ja, unverhofft kommt oft’, dachte sie bei sich und schlürfte genüsslich an der Tasse, die Ineke ihr gereicht hatte.
„Himmlisch“, entfuhr es der verdutzten Moderatorin, als sie in die hauchzarte Waffel biss.
„Nicht wahr“, entgegnete Ineke, „das Rezept habe ich von Anton, unserem Milchbauern.
Dessen Bekanntschaft haben Sie vorhin doch bereits gemacht.“
Minka verschluckte sich beinahe an ihrem Stück Waffel und funkelte Heiko an, als dieser verschmitzt hinzufügte: „Das haben wir wohl, stimmt’s, Liebchen?“
Ineke lachte. „Ja, ja, der Anton – harte Schale, butterweicher Kern. Er und seine Milchkühe, seine Liebchen, sind ein Herz und eine Seele. Liegt in der Familie, die Mertensens haben alle ein Herz aus Gold.“
„Wunderbar, da Sie gerade von Herzensangelegenheiten sprechen, frage ich Sie doch gleich einmal: Was hat Sie denn bewogen in eine solch abgelegene Wallach-, also, in diese wahrscheinlich märchenhafte Gegend zu ziehen?“ Inzwischen hatte Minka sich einigermaßen gefasst und klimperte nachdrücklich mit ihren Wimpern.
„Wissen Sie, ich liebe das Landleben seit jeher. Und nach meinem Studium bot sich die einmalige Chance die Rote Beete zu übernehmen. Hier kann ich all das verwirklichen, was ich in der Enge einer betonierten und asphaltierten Großstadt mit Sicherheit nicht könnte. Ich bin frei und unabhängig, kreativ und kommunikativ. Ich kann experimentieren und fühle mich geborgen. Jeder Tag ist eine Herausforderung, das leugne ich nicht, und gleichzeitig doch ein Genuss für alle Sinne. Die Rote Beete ist ein Ort, mit dem sich Jung und Alt gerne identifizieren. Das freut mich besonders und unterstreicht für mich die Richtigkeit meiner Entscheidung“, erklärte Ineke nicht ohne Stolz in der Stimme.
„Fabelhaft. Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, sie fristen keineswegs das Dasein einer jungen, den Widrigkeiten trotzenden Einsiedlerin?“
Jetzt musste Ineke wirklich schallend auflachen. „Ganz und gar nicht. Aber machen Sie sich nichts draus, von meinem Vater habe ich damals ähnliche Argumente, oder sollte ich besser sagen Horrorszenarien, vorgelegt bekommen. Ich versichere Ihnen, hier geht es rund. Die Rote Beete ist der Treff schlechthin. Ich bin sozusagen Ernährungsberaterin, Vertrauenslehrerin, Nachrichtensprecherin und gute Fee zugleich.“
„Ich verstehe“, sagte die Moderatorin leicht aus dem Konzept gebracht, „und worin besteht für Sie dann das Extreme in ihrem Leben auf dem Lande?“
„Sagen Sie es mir! Sie schienen mir doch recht überzeugt von meinem Leben am Rande des Erträglichen“, erwiderte Ineke beschwingt und sah im Augenwinkel, dass Heiko nun auch schmunzelte. „Okay, nun mal ernsthaft. Ich liebe die extrem klare Luft am Morgen, die extrem ausgeglichenen Menschen, die extreme Geschmacksvielfalt unserer hausgemachten Produkte, die extreme Kommunikationsfreude der Nachbarn, die extrem schillernden Gesänge der Vögel, den extremen Genuss selbst gepflückter Blaubeeren, die extreme Freiheit, die Rote Beete ganz nach meiner eigenen Facon führen zu können, die extreme Neugier und Begeisterung der Kinder, wenn sie Schmetterlingen über Feld und Flur nachjagen, die extreme Gastfreundschaft des hiesigen Gasthauses, die extreme Ruhe meinen Gedanken nachgehen zu können, die extrem sternenklaren Nächte, die extreme Feierlaune unseres Stammtisches, die extrem leckeren Plundertaschen von Oma Irmchen nach Hausfrauenart, ach ja, und gelegentlich tatsächlich auch die extrem gut ausgebaute Schnellstraße Richtung Stadt“, endete Ineke zufrieden ihre Ausführungen. „Ich hoffe, das ist Ihnen fürs Erste genügend Extremes und nah am Limit Gebautes und eventuell auch etwas ordentlich Risikobehaftetes.“ Die junge Frau grinste.
„Absolut!“, brachte Minka van Bommel hervor, „Sie haben es auf beeindruckend präzise Weise auf den Punkt gebracht. Ich danke Ihnen für dieses überaus deutliche Statement.“
„Das Vergnügen war ganz meinerseits. Ehrlich, habe mich lange nicht mehr derart amüsiert. Vielleicht sollte ich doch mal wieder in die Stadt kommen.“ Ineke lächelte vergnügt.

***

Zwei Wochen nach dem Interview, wurde nun die Dokumentation über die Rote Beete ausgestrahlt. Gespannt auf das, was das Fernsehteam zusammengebastelt hatte, machte es sich Ineke mit molligen Wollsocken an den Füßen und einer Tasse Rhabarbertee in den Händen gemütlich. Und dann begann auch schon die Sendung. Sogleich strahlte ein ihr wohlbekanntes freundliches, wenn auch mit einem deutlichen Übermaß an Rouge versehenes Gesicht in die Wohnzimmer der Zuschauer.
„Guten Abend liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Mein Name ist Minka van Bommel und ich präsentiere Ihnen heute einen exklusiven Blick hinter die Kulissen eines extrem beneidenswerten Lebens. Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie sich inspirieren. Hier folgt nun unsere neuste Folge zum Senderspecial Leben extrem“, Minka legte eine winzige Kunstpause ein, „extrem sympathisch.“ Und schon folgte der Beitrag, der mit einer Nahaufnahme einer grasenden Kuh begann. Dieses markante Klischee hatte wohl einfach nicht fehlen dürfen.
Ineke lehnte sich zurück – obwohl sie das eher an die Ansage in einer Achterbahn erinnert hatte – und blickte interessiert auf den Bildschirm ihres Fernsehers.
Die liebliche Stimme Minka van Bommels untermalte die Filmsequenzen. … „Einfältig oder gar öde waren gestern. Flexibel und facettenreich präsentiert sich das Landleben heute. Die ambitionierte Finanzmanagementabsolventin Ineke Äppelboom zog es in ein kleines beschauliches Idyll, weil sie dort ihren Traum verwirklichen kann.“ … „Während die meisten in ihrem Alter rote Beete nur als Haartönung kennen oder gar für eine neue Punkband halten, managt Ineke Äppelboom ihr eigenes Business: die Rote Beete, ein hippes Biogeschäft, in dem knackige Zucchini, cremiger Honig und sahnige Milch über den Ladentisch wandern.“ … Ineke musste an sich halten. Minkas Kommentare klangen irgendwie zu gut für diese Welt. Beinahe vermisste Ineke diesen gewissen ironischen Unterton. … „Das Glück, sich die eigeneFreiheit bewahren zu können und dabei in einer Gemeinschaft zu leben, in der man aufeinander zählen kann, und in der der Bauer noch all seine Liebchen, pardon, all seine Kühe mit Namen kennt, das weiß Ineke Äppelboom zu schätzen.“ … Mittlerweile prustete Ineke los. Wenn sie nicht dabei gewesen wäre, als Minka sich naserümpfend im Geschäft umgesehen und sie misstrauisch angeschaut hatte, als sie ihr versicherte, Anton sei ein Gemütsbolzen schlechthin, wäre dieser Beitrag nur halb so drollig gewesen. Minka schien das Landleben nahezu anzupreisen. … „Wo, wenn nicht auf dem Land, können motivierte, kreative und dynamische Freigeister sich besser entfalten? Probieren Sie es aus: Tauschen Sie doch auch einfach einmal das künstliche Raumspray gegen den Duft reifer Äpfel, die Karottenhose gegen eine fesche Wathose, das Glätteisen gegen das Waffeleisen – “ … Ineke traute ihren Ohren kaum. … „– und tauchen Sie ein in eine Hülle und Fülle aus urigen Traditionen und modernen Gepflogenheiten. Neue Gesichter, wie das von Ineke Äppelboom, und ein markiges Image, wie das des Biogeschäfts Rote Beete, prägen das Landleben von heute. Wie wäre es mit der Devise „Landflucht einmal umgekehrt – Wir fliehen raus auf das Land“?
Baff starrte Ineke im ersten Moment auf den Fernseher. Dann stellte sie sich Minka van Bommel in Latzhose und Blaumann vor, die gerade dabei war, sich eine Riesengurke – oder war es eine Zucchini – in Scheiben zu schneiden und sich diese auf die mit türkisem Lidschatten geschminkten Augenlider legte. Herrlich, einfach nur herrlich abgedreht.


© Kora Kutschbach



Mittwoch, 3. Oktober 2012

[News] Unerwartete Nachricht von neobooks

Gestern Abend, als ich in mein E-Mail-Postfach schaute, entdeckte ich eine E-Mail vom neobooks-Team. Damit hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nicht gerechnet. Aber nun alles auf Anfang ...

Vor einigen Wochen stieß ich auf eine Aktion, die mich als schreibfreudiges Persönchen sofort ansprach. Dabei handelte es sich um einen Schreibwettbewerb, der durch eine Kooperation von neobooks und LovelyBooks ins Leben gerufen und begleitet wurde. Es sollten dabei Kurzgeschichten (bis maximal 20.000 Zeichen) entstehen, die das Leben auf dem Land ins richtige - und zwar in ein modern-sympathisches - Licht rücken.

Schreiben ist immer gut! Hinzu kam die Tatsache, dass ich zu der vorgegebenen Thematik,  "Stadt, Land ... Frau", auch gleich einen Bezug sowie eine Idee hatte, was sich als durchaus praktisch erwies.

Also tippte ich fröhlich drauf los und schickte meinen durch Geistesblitze verzierten Beitrag, Lady in Red, einfach aus Spaß an der Freude und ohne ernsthafte Ambitionen ein. Denn, seien wir realistisch, es gibt wahrlich viele talentierte (Hobby-) Autoren.

Nun, ein paar Wochen später, bekam ich dann doch tatsächlich eine wunderbar überraschende Nachricht von neobooks: Ich habe wirklich etwas gewonnen! ... Ui, klasse!
Ich darf mir nun aus dem Hause Droemer Knaur/neobooks ein buntes Potpourri an eBooks im Wert von 50 Euro auswählen. Genial, oder? Für mich als Leseratte auf jeden Fall!
Herzlichen Dank für diese überraschend brillante Prämierung! Ich bin noch immer begeistert! Jetzt werde ich mich also vergnüglich durch das Repertoire an reichhaltiger eBook-Kost forsten und stehe abermals vor der Qual der Wahl ... Ach, ich freue mich!

Was die Lady in Red betrifft kann ich euch sagen, dass ich die Kurzgeschichte demnächst in voller Länge mit euch teilen werde. Bis dahin könnt ihr euch gern Gedanken zu einem möglichen Verlauf der Geschichte machen. 
Bei den Protagonistinnen handelt es sich hierbei um Ineke Äppelboom, zufriedene Besitzerin eines Bio-Geschäfts, und Minka van Bommel, ehrgeizig aufstrebendes Moderationstalent. 
Einen kleinen Vorgeschmack lass ich schon einmal hier. Bin ja nicht so ... Übrigens, diese Lady in Red ist nicht zwangsläufig musikalisch veranlagt. 

[...] Wenig später, Minka hatte sich gerade von der Begegnung der etwas anderen Art erholt, kam Ineke mit zwei Prachtexemplaren an Zucchini im Arm in den Verkaufsraum geeilt. Ihre Wangen in ein gesundes rosé gefärbt und ein paar widerspenstige Haarsträhnen ins Gesicht fallend. ‚Ach Gottchen, aber auf jeden Fall ein Hingucker’, dachte Minka spitz. ‚Sieh an, sieh an’, sagte sich Heiko in Gedanken und nickte zur Begrüßung positiv angetan.
„Entschuldigen Sie, bitte“, Ineke streifte sich die Hände an ihrer olivegrünen Latzhose ab und begrüßte die beiden dann guter Dinge.
„Keine Ursache, wirklich nicht“, offerierte Heiko rasch.
„Das ist doch nicht tragisch“, ergänzte Minka, „die Gurkenernte geht schließlich vor. Sie züchten wohl besonders gigantische Exemplare? Irgendein Geheimrezept? Vielleicht die gute Landluft?“
„Danke, aber das sind Zucchini, keine Gurken. Die hervorragende Landluft kommt uns wahrscheinlich dennoch zugute“, überspielte Ineke gekonnt den Fauxpas der Moderatorin und
strahlte willkommen heißend. [...]


Montag, 3. September 2012

[News] E-M@il für mich

Wie in den letzten Tagen bereits mehrfach fröhlich thematisiert, durfte ich mich über eine recht erfolgreiche Teilnahme an der KiBuLo-Sommer-Rallye freuen.

Der Preis, den ich für meine Geschichte erhalten werde, setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Kürzlich teilte mir die nicht unwesentlich an diesem kreativen Projekt beteiligte Autorin Renate Zawrel in einer E-Mail noch eine weitere fabelhafte Neuigkeit mit.

Dem Ganzen wird nämlich die Krone aufgesetzt, indem der Sarturia Verlag - seines Zeichens die Traumfabrik für angehende Meister der Feder - die gesamte Fassung von Wunschträumen erlaubt! in eine demnächst erscheinende Märchenanthologie integriert. Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages in die Fußstapfen der Gebrüder Grimm treten werde?


Sonntag, 2. September 2012

[News] Wunschträumen erlaubt!

Wie bereits vor Kurzem beschrieben, durfte ich mich über den Gewinn der 3. Sommer-Rallye-Etappe 2012, deren Initiatoren die KiBuLos und die österreichische Autorin Renate Zawrel waren, freuen. Nach der offiziellen Verkündung auf der Homepage der Kinderbuchlotsen gibt es nun auch auf Creativity First die gesamte Geschichte Wunschträumen erlaubt! zu lesen. 

Wer möchte, kann die Einladung an die Nordsee gern annehmen und Claudia auf ihrer erstaunlichen Reise begleiten.

Et voilà, viel Spaß damit!



Renate Zawrel & Kora Kutschbach

— Wunschträumen erlaubt! — 


Missmutig schob Claudia die Reisetasche von links nach rechts. Wer wollte schon an die Nordsee reisen? Alle Freundinnen der Schülerin würden in diesem Jahr ihre Sommerferien an irgendwelchen Mittelmeerküsten verbringen und braungebrannt wiederkehren.
Nur Claudia Sommer war mit der sensationellen Nachricht ihrer Eltern überrascht worden, in diesem Jahr etwas ganz besonderes unternehmen zu wollen. Drei Wochen – man stelle sich das vor – drei ganze Wochen in der Abgeschiedenheit einer Nordseeinsel. Langeweile war vorprogrammiert. Was konnte man dort schon unternehmen, außer in einem windschiefen Strandkorb den Windböen trotzen? Mutter würde mindestens zehn neue Sonnenhüte kaufen und darüber berichten, wie schädlich sich der tägliche Konsum von Schleckeis auf den menschlichen Körper auswirkte. Die Interessen des Vaters beschränkten sich darauf, Unmengen von Büchern und Zeitschriften zu lesen und die anfänglichen Fragen der Tochter, ob man gemeinsam etwas spielen könnte, mit „Später mein Kind, später“ zu beantworten.
„Hast du schon deine Sachen eingepackt, Liebes?“ Klara Sommer kämpfte sich durch die schon gepackten Koffer, die den Vorraum blockierten. Eine Reisetasche fehlte noch, nämlich jene der Tochter.
Dieses störrische Kind konnte aber auch nerven. Vielleicht war die beginnende Pubertät der Auslöser dafür. Seufzend strich sich die Mutter eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wartete auf die Antwort Claudias.
„Nein“, klang es gelangweilt aus dem Kinderzimmer. „Ich weiß nicht, was man in ein Straflager mitnimmt.“ Das war deutlich. Vielleicht begriff endlich mal jemand, dass eine knapp Vierzehnjährige nicht auf eine Insel wollte, wo sich die Zivilisation mit Pferdewagen fortbewegte, da Autos dort verpönt waren.
Die Hinreise zum Urlaubsziel gestaltete sich schweigsam. Drei Leute im Auto, und das einzige Geräusch wurde vom Knistern des Sendersuchlaufs im Radio verursacht.
„Kann mal jemand eine CD einlegen?“, motzte der Teenager. Wobei sich der Grant auch gegen sich selbst richtete. Wer war denn so intelligent gewesen und hatte den MP3 Player in die Reisetasche gepackt, die jetzt irgendwo zwischen dem anderen Gepäck im Kofferraum eingequetscht war?
„Es reicht“, wetterte Matthias Sommer. „Deine offensichtliche Abneigung hängt mir zum Hals raus. Nächstes Jahr bleibst du daheim.“
Schon wollte Claudia jubeln, als der Vater hinzusetzte: „Tante Agathe wird sich freuen, wenn du sie besuchst.“ Mist, das war nun keine berauschende Aussicht und vorsichtshalber verkniff sich das Mädchen jede weitere Bemerkung. Auch dann, als sie auf der Fähre Platz nahmen und weit und breit niemand zu sehen war, der nur annähernd in Claudias Alter war. Reizend!
„Da vorne“, erklärte Klara mit fröhlichem Lächeln im Gesicht, „ist unsere Ferieninsel. Wir werden sicher viel Spaß haben. Denkt ihr nicht auch?“
Liebevoll umarmte Matthias seine Frau und raunte „Sicher mein Schatz.“ in ihr Ohr. 
Hallo! Waren ihre Eltern auf beiden Ohren taub und auf beiden Augen blind? Welchen Spaß, bitte?
‚Wenigstens habe ich ein eigenes Zimmer‘, dachte Claudia kurze Zeit später und belohnte dieses Highlight mit einer brummigen Zustimmung zu einem ersten Inselspaziergang.
Neugierig verfolgte ein dunkles Augenpaar das blondgelockte Mädchen, das da hinter seinen Eltern her stapfte. Unauffällig folgte der Bursche mit seinen roten Sneakers der Familie und zerknüllte das Stück Papier in seiner rechten Hand. Der darauf gezeichnete Plan hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt. Nicks Gedanken waren so konzentriert, dass er das abrupte Anhalten der Leute vor ihm nicht merkte und ungebremst in Claudias Rücken krachte.
„‘tschuldigung!“, nuschelte der Fünfzehnjährige und senkte betreten den Blick.
„Ist ja nichts passiert“, entgegnete das Mädchen und lächelte. Vielleicht würde der Inselaufenthalt doch noch interessant werden. „Ich heiße Claudia, und du?“
„Nick!“ Und Nick versäumte keine Zeit. „Hast du morgen Zeit? Ich möchte dir etwas zeigen, was ich gefunden habe. Unten beim Schiffswrack.“
Überrascht, dass der Bursche es so eilig hatte, aber neugierig, stimmte Claudia zu: „Klar, ich mach ja Urlaub hier. Wann?“
„Um dreizehn Uhr“, murmelte der Halbwüchsige, machte auf dem Absatz kehrt, lief die Straße wieder zurück und verschwand in einer Seitengasse.
Die Eltern waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie das leise Geplänkel der Jugendlichen nicht bemerkt hatten. Gutgelaunt hakte sich die Tochter bei Mutter und Vater unter. Morgen würden die Weichen für einen tollen Urlaub gestellt.

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Claudia verharrte im Schatten der morschen Schiffsplanken. Seltsame Spuren im Sand erzählten davon, dass erst kürzlich jemand hier gewesen sein musste. Aber es waren keine menschlichen Spuren – keine Fußabdrücke oder Vertiefungen, die Schuhe hinterließen. Viel tiefer und breiter verliefen die deutlichen Markierungen.
Durch den Schiffsrumpf ging ein wütendes Grollen und als das Mädchen sich umwandte, erblickte einen sagenhaft schillernden Regenbogen, der aus dem düsteren Rumpf des Schiffes in hohem Bogen auf den Strand fiel.
„Wow“, murmelte Claudia, „wie … was … wo kommt denn jetzt plötzlich dieser Regenbogen her? … Nick, sieh doch nur!“
„Ja, gigantisch, nicht wahr? Komm jetzt schnell mal hierher“, entgegnete der Junge und gestikulierte wild mit den Armen.
Claudia, die noch immer von der intensiven Leuchtkraft fasziniert war, tat daraufhin behutsam einen Schritt vor den anderen und steuerte auf Nick zu, der nur eine Armlänge vom Beginn des Regenbogens entfernt stand.
Noch nie zuvor hatte Claudia einen derart magischen Regenbogen wahrgenommen. Klar, hoch am Himmel waren diese Erscheinungen schon schön anzusehen, aber dies war gerade eine vollkommen andere Situation. Der Regenbogen machte einen absolut soliden Eindruck. Er wirkte kein bisschen vergänglich. ‚Seltsam, echt seltsam’, dachte sich Claudia.
„Nun mach’ schon!“, drängte Nick, der ungeduldig von einem Fuß auf den anderen hüpfte, „Das Portal ist nicht ewig offen. Wir müssen uns schon ein wenig beeilen.“
Entgeistert blickte Claudia ihn an: „Wie bitte, sagtest du gerade Portal? Du hast wohl zu viele Science-Fiction-Romane gelesen. Ich glaube wohl kaum, dass – “
Doch Nick schnitt Claudia das Wort ab, indem er nun ein paar Schritte auf sie zuging, sie an beiden Händen packte und meinte: „Nein, das ist kein Scherz. Ehrlich. Ich meine es Ernst. Dieser Regenbogen ist ein Portal in eine andere Sphäre oder Welt oder so etwas. Komm’, ich
beweise es dir!“ Beinahe flehend sah er Claudia geradewegs in die Augen.
Okay, sie wusste gerade überhaupt nicht, was sie von dieser merkwürdigen Situation halten sollte. Nun, sie hatte sich mehr Action und Tohuwabohu gewünscht. Wer wollte schon den lieben langen Tag Quallen am Strand zählen? Aber das hier überstieg gerade wirklich ihre kühnsten Vorstellungen.
Claudias Eltern schlenderten derweil durch das niedliche Touristenidyll der Insel und konnten sich wohl nicht mit einer Silbe vorstellen, wie sehr sich der morgendliche Wunsch an ihre Tochter bewahrheiten sollte. Hatten sie doch gemeint: „Spätzchen, lass die doch einfach ein wenig auf das Inselleben ein. Es gibt hier bestimmt noch so manches spannende Eckchen zu entdecken. Halt die Augen offen und sieh die Ferien als Abstecher ins Ungewisse.“ Bei diesen Worten hatte Claudia die Augen nahezu meisterhaft verdreht. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen, wie lächerlich sie dieses Erzwingen von Abenteuer fand. Letzten Endes hatte sie ihren Eltern jedoch ohne weiteres Murren einen wunderbar erholsamen Nachmittag gewünscht und war mit Neugier und ihrer neuen Digitalkamera im Gepäck zum Schiffswrack aufgebrochen.
Nun stand sie also hier. Fein, wenn das eine Art Mutprobe darstellen sollte, bitte. Dann hatte sie wenigstens etwas zu erzählen, wenn ihre Klassenkameradinnen mit den Hochglanzfotos ihrer Mittelmeerreisen um sich wedelten.
„Schon gut, schon gut“, sie versuchte sich aus Nicks Griff zu lösen, „Nehmen wir an, ich glaube dir: Dann möchte ich gern wissen, weshalb du ausgerechnet mich zu diesem … diesem Portal gelotst hast? Wir kennen uns doch so überhaupt nicht.“
Nick biss sich auf die Unterlippe, atmete tief durch und antwortete dann mit einem verschwörerischen Unterton in der Stimme: „Ähm, also, eigentlich ist es so, dass du mich überhaupt nicht kennst, ich dich allerdings schon ein wenig.“
Verdutzt starrte Claudia ihn an, während sie im Augenwinkel weiterhin die strahlenden Farben des Regenbogens wahrnahm. Sie wirkten irgendwie anziehend, zu leugnen war das gewiss nicht.
„Meine Cousine Clementine geht in deine Klasse“, fuhr Nick entschlossen fort, „und sie hat mir von einem Mädchen in ihrem Freundeskreis erzählt, das sich unwahrscheinlich gern für den Umwelt- und Naturschutz einsetzt. Das bist doch du, oder?“
Claudia nickte und spürte, dass ihre Knie weich wurden. Was um Himmels willen hatte das alles zu bedeuten?
„Um ehrlich zu sein, das ist in unserem Alter ein doch eher ungewöhnliches Interesse.“ Nick blickte sie jetzt anerkennend an. „Ich tüftle seit einiger Zeit an einem neuen Konzept, das den Einheimischen und auch den Touristen unserer naturnahen Insel die Dringlichkeit und den Sinn von umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Verhaltensweisen vor Augen führt. Du weißt schon, etwas das Zukunft hat und über das übliche Geplänkel wie autofreie Zonen oder recyceltes Papier hinausgeht.“
„Mmmhhh“, geistesabwesend und mit angestrengt konzentriertem Gesichtsausdruck versuchte Claudia Nicks Ausführungen zu folgen.
„Und bei meinen Recherchen bin ich dann rein zufällig auf dieses unglaubliche Portal gestoßen. Als Clementine mir auch noch berichtete, dass du in den Sommerferien auf die Insel kommen würdest, war ich begeistert. Endlich könnte ich jemanden treffen, der mein Anliegen versteht und mich auf meinen Expeditionen begleiten könnte.“ Erwartungsvoll leuchteten Nicks Augen, als er geendet hatte.

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Anfangs hatte Claudia sich noch recht wacklig auf den Beinen gefühlt und sich Meter für Meter nur auf Nicks rote Sneakers konzentriert. Irgendwie verständlich, immerhin lief man nicht jeden Tag einen Regenbogen entlang und durchquerte ein magisches Portal.
Doch konnte Claudia nun nicht eine Sekunde mehr damit verschwenden, sich ihrem Zögern hinzugeben. Viel zu atemberaubend waren die Eindrücke. Ahs und Ohs reihten sich aneinander. Nicks Schwall an Erklärungen prasselte auf sie ein.
Claudia vernahm dieses positive Flirren, das sich auf sie übertrug, während sie diese unglaublich Szenerie, die sich vor ihr erstreckte, auf sich wirken ließ.
Ein herrlicher Strand und die Weite der Nordsee fielen ihr auch hier sofort ins Auge. Das waren allerdings schon die einzigen Gemeinsamkeiten mit ihrer „normalen“ Welt.
Zuerst einmal waren es die Farben, die sie in den Bann zogen. Die Kulisse sah aus, als hätte der Regenbogen als Maler persönlich den Pinsel geschwungen. Dunkelgrünes Wasser und strahlend gelbe Dünen, orangefarbene Wiesen und violett leuchtende Baumkronen, indigofarbene Straßen, rote und blaue Häuser und Scheunen.
„Wow“, Claudia blieb der Mund offen stehen, „das ist gigantisch.“
„Toll, nicht wahr? Ich wusste doch, dass es dir gefällt. Warte nur, bis du Mel, Mil und Mol triffst. Und hey, sieh mal, wen haben wir denn da?“ Nick zeigte aufgeregt in die Richtung eines enormen Baumes, dessen purpurnen Blüten einen herrlichen Duft verströmten.
Anfangs wusste Claudia nicht recht, worauf Nick deutete. Aber dann kam eine Herde kleiner, ja, nun, kleiner Tiere – Tiere waren es definitiv – zum Vorschein. Sie sahen aus wie Miniaturwasserbüffel. Nur dass ihre verhältnismäßig großen Füße denen eines Straußes glichen, ihr Fell, wie sollte es anders sein, in Regenbogenfarben schimmerte und ihre Hälse mit einer Art Pferdemähne besetzt war.
„Ähm, Nick?“
„Was gibt’s?“
„Was genau sind das für Tiere?“
„Sind sie nicht einmalig? Das sind Bowos. Keine Angst, sie sind vollkommen harmlos und wenn sie ausgewachsen sind, erreichen sie in etwa die Größe eines Bernhardiners. Sie nehmen das Sonnenlicht auf und speichern es. Siehst du, wenn ihre Farben ganz intensiv leuchten, ist ihre Speicherkapazität erreicht. Dann werden sie von der Weide in die Stallanlage gebracht, wo sie abgebürstet werden. Auf diese Weise wird hier unter anderem Energie für die Wärme- und Stromversorgung gewonnen und für die Bowos springt ein Wohlfühlerlebnis dabei heraus. Genial, was?“
„Das … das ist verblüffend. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich meine, all das ist einfach wie ein Traum.“ Claudia versuchte sich zu sammeln, um ihre Aufmerksamkeit ganz den Bowos zu widmen.
Außerdem gab es noch so viel mehr zu entdecken. Nick nahm Claudia bei der Hand und schleifte sie nahezu hinter sich her. Er legte ein Höllentempo an den Tag. Der Junge sprudelte förmlich über von Begeisterung darüber, sein Geheimnis endlich mit jemandem teilen zu können.

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Wer Mel, Mil und Mol waren, sollte Claudia auch bald erfahren. Das waren die aufgeweckten Drillinge des örtlichen Lumieres.
„Bodo, unser Vater, ist als Lumiere dafür verantwortlich, dass unser Dorf stets mit genügend Licht versorgt ist“, erklärte Mil mit einem schelmischen Lachen. Ihre regenbogenfarbenen Haare standen in sämtliche Himmelsrichtungen ab.
„Genau, da gibt’s immer eine Menge zu tun. Wir fangen das Sonnenlicht in riesigen Trichtern auf, von wo aus es in die sogenannten Spiegelsilos geleitet wird. Dort wird es dann in die verschiedenen Intensitäten eingeteilt“, Mel nickte nachdrücklich, während Claudia ihre Gedanken kaum zu ordnen vermochte.
„Ihr wisst schon“, ergänzte Mol mit großen Augen, „für eine Taschenlampe braucht man nicht so eine große Strahlkraft wie für eine Zimmerlampe, ganz zu schweigen von den OPLampen. Dafür muss das Licht eine ganz besondere Qualität aufweisen."
Claudia und Nick folgten den drei quirligen Mädchen, die ohne Punkt und Komma plauderten und ihren Besuchern amüsiert gegenüberstanden, als diese beteuerten noch nie zuvor einen Kawalallibaum gesehen zu haben.
Mel begann eifrig zu erklären: „Also, der Kawalalli ist ein Baum, dessen Früchte nicht geerntet werden, weil sie nur Saft produzieren, wenn die direkt mit dem Baum selbst verbunden sind. Schaut mal, ist eine Frucht reif, dann leuchtet sie quittengelb. Wir bringen dann einen Schlauch an der Frucht an und melken den Baum auf diese Art. Der Saft ist unglaublich lecker und er sorgt gleichzeitig für Wunschträume.“
Mil zog daraufhin eine verkorkte Falsche Kawalallisaft auf ihrem Rucksack, öffnete diese mit einem ‚Plop’ und reichte sie an Claudia weiter. Dankend griff Claudia zu und setzte die Flasche an den Mund. Ein fruchtiger Duft strömte ihr entgegen. Eine Sekunde später explodierte ein wahres Feuerwerk der Aromen in ihrem Mund.
„Köstlich! Ehrlich, super lecker!“, Claudia streckte Nick die Flasche entgegen, nachdem sie diese bereits halb geleert hatte. Sie hätte den gesamten Inhalt in noch einem Zug ausgetrunken. Allerdings wollte sie keinesfalls unhöflich sein.

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Die Zeit verging wie im Flug und als die Sonne über dem Meer die Farbe einer Blutorange annahm, verabschiedeten sich Claudia und Nick von den liebenswürdigen Drillingen und brachen Richtung Regenbogen auf.
„Und passt auf, dass nicht wieder so ein freches Bowo den Weg über den Regenbogen findet. Ihr seid auf eurer Seite des Portals den Anblick dieser netten Tierchen noch nicht gewohnt“, rief Mol Claudia und Nick feixend hinterher.
Das Portal öffnete sich nur zwei Mal am Tag. Das erste Mal zur späten Mittagszeit und dann noch einmal bei Sonnenuntergang. Würden die beiden also heute noch zurück wollen, mussten sie die Beine in die Hand nehmen.

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Am nächsten Morgen wachte Claudia mit dem rhythmischen Rauschen der Wellen, dem prägnanten Kreischen der Möwen und dem schrillen Klingeln der Eieruhr auf. Klara Sommer war wohl bereits rührig dabei, das ausgedehnte Urlaubsfrühstück vorzubereiten.
Claudia blinzelte erst noch verschlafen. Dann vernahm sie wieder dieses seichte Flirren und mit einem Schlag waren die Erinnerungen an den verrückten gestrigen Tag allgegenwärtig. 
Sie musste nur gerade scharf nachdenken: Hatte sie das alles nur geträumt – die Wunschträume kamen ihr in den Sinn – oder war sie tatsächlich mit Nick über den Regenbogen spaziert? Ein wenig irreal schien ihr das Ganze schon. Doch das Lachen der Drillinge hallte noch in ihrem Kopf nach und die spritzige Süße des Kawalallisafts prickelte auf der Zunge. ‚Wie schön wäre es, wenn dieses Erlebnis real gewesen wäre? Dann könnte mir das Mittelmeer für ewig gestohlen bleiben’, dachte Claudia, als sie sich aus ihrem flauschigen Bett stieg.
Eine Minute später hatte die das breiteste Grinsen der gesamten Insel im Gesicht. Denn als sie in den Spiegel ihrer Kommode schaute, entdeckte sie, dass die Spitzen ihrer sonst so blonden Lockenpracht den leichten Glanz bunter Regenbogenfarben angenommen hatten.

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Freitag, 31. August 2012

[News] Wow! Meine erfolgreiche KiBuLo-Sommer-Rallye

Ehrlich?! Das ist kaum zu fassen, echt großartig! Wer hätte das gedacht? Ich nicht.
Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich von Cornelia vom KiBuLo-Team eine E-Mail erhielt, die besagte: "HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH! Deine Sommergeschichte ist unsere Gewinnergeschichte!"

Ernsthaft: Gewinnergeschichte!!! Ist ja toll! ... So manch einer wird sich jetzt fragen: Gewinnergeschichte wovon denn? Okay, ich bringe rasch Licht ins Dunkel.

Seit Beginn des Sommers veranstalten die KiBuLos eine wunderbar vielfältige Sommer-Rallye, die in regelmäßigen Abständen immer wieder neue Herausforderungen und Aufgaben rund ums Lesen und Schreiben zutage fördert(e) und allen Buchbegeisterten die Sommermonate etwas bunter erscheinen lässt.
Die dritte "Station" stand unter dem Motto "Hast Du das Zeug zum Autor?" und bot schreiblustigen kreativen Geistern die Möglichkeit, eine eigene Sommergeschichte in einen Wettbewerb einzureichen. 

Diese Aktion ist eine Kooperation der KiBuLos und der in vielseitigen Genres schreibenden Autorin Renate Zawrel. Die Autorin lieferte auch den Einstieg in die Sommergeschichte, auf welchen die Teilnehmer eingeladen waren, aufzubauen. Insgesamt eine Idee, von der ich mich augenblicklich angesprochen fühlte, ganz klar!

Als ich mir den vorgegebenen Beginn der Geschichte durchgelesen hatte, wollte ich umso mehr meinen eigenen kleinen Beitrag zu dieser KiBuLo-Aktion beisteuern. 
Denn einerseits muss das Engagement der KiBuLos Anklang finden, denke ich; andererseits sprach mich Renate Zawrels Vorlage auch persönlich sehr an, da ich erst wenige Wochen zuvor selbst an der Nordsee (Ort der Handlung) unterwegs war und ein paar gesammelte Eindrücke glaubte, gut in die Geschichte einflechten zu können.

Daraufhin ging ich munter und unbefangen ans Werk, auch wenn ich bis dato eher weniger Erfahrung mit dem Schreiben von Kurzgeschichten (noch dazu für das anspruchsvolle Publikum "Kinder") gesammelt hatte. 
Neben lockeren und die Fantasie ansprechenden Elementen wollte ich gerne auch ein Fünkchen Realitätsnähe in die Handlung einbringen. Wenn mir dies tatsächlich gelungen ist, umso schöner. Das Resultat schickte ich anschließend an die KiBuLos. 

Dass sich nun für meine Geschichte Wunschträumen erlaubt! als Gewinnergeschichte entschieden worden ist, hätte ich keinesfalls zu vermuten gewagt. Doch ich freue mich darüber riesig!!! Ein Dankeschön geht an dieser Stelle an das KiBuLo-Team sowie Renate Zawrel!


Hier ist bereits ein kleiner Vorgeschmack auf die Geschichte (für den ersten Eindruck):

[...] Nun, sie hatte sich mehr Action und Tohuwabohu gewünscht. Wer wollte schon den lieben langen Tag Quallen am Strand zählen? Aber das hier überstieg gerade wirklich ihre kühnsten Vorstellungen. (...) „Meine Cousine Clementine geht in deine Klasse“, fuhr Nick entschlossen fort, „und sie hat mir von einem Mädchen in ihrem Freundeskreis erzählt, das sich unwahrscheinlich gern für den Umwelt- und Naturschutz einsetzt. Das bist doch du, oder?“ Claudia nickte und spürte, dass ihre Knie weich wurden. Was um Himmels willen hatte das alles zu bedeuten? (...) Zuerst einmal waren es die Farben, die sie in den Bann zogen. Die Kulisse sah aus, als hätte der Regenbogen als Maler persönlich den Pinsel geschwungen. Dunkelgrünes Wasser und strahlend gelbe Dünen, orangefarbene Wiesen und violett leuchtende Baumkronen, indigofarbene Straßen, rote und blaue Häuser und Scheunen. (...) „Das sind Bowos. Keine Angst, sie sind vollkommen harmlos und wenn sie ausgewachsen sind, erreichen sie in etwa die Größe eines Bernhardiners. Sie nehmen das Sonnenlicht auf und speichern es. Siehst du, wenn ihre Farben ganz intensiv leuchten, ist ihre Speicherkapazität erreicht. Dann werden sie von der Weide in die Stallanlage gebracht, wo sie abgebürstet werden. Auf diese Weise wird hier unter anderem Energie für die Wärme- und Stromversorgung gewonnen und für die Bowos springt ein Wohlfühlerlebnis dabei heraus. Genial, was?“ [...]


Gut, dies sollte fürs Erste genügen. Lassen wir nun alle erst einmal diese Nachricht auf uns wirken. Ich denke, mehr dazu gibt's bestimmt sehr bald noch einmal an anderer Stelle. Bleibt also bitte ruhig neugierig!