"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}
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Samstag, 9. Februar 2013

[Rezension] Die Zufälle des Herzens (Juliette Fay)

Juliette Fay: Die Zufälle des Herzens 

Ein wunderbares Buch mit einem Cover, das mich von Beginn an entzückt hat. Ich mag solche Kulissen im Vintage-Stil total gern. Und in gewisser Hinsicht deutet das Cover an, was die Handlung des Romans unterstreicht: unter der obersten Lackschicht - dem schönen Schein - verbirgt sich die wirkliche Persönlichkeit - verletzlich, Schutz suchend, rebellisch - ganz wie es einem beliebt. Denn abgesehen davon, dass ich mich hervorragend unterhalten gefühlt habe, vermittelt die Geschichte auch echte und absolut greifbare Werte der (Zwischen-) Menschlichkeit, in die ich vieles mir Bekannte einordnen konnte.
Mein Dank geht an LovelyBooks und den Goldmann Verlag, für die Möglichkeit dieses Buch im Rahmen einer Leserunde entdecken zu dürfen!


~ Rezension ~

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen ...

... dieses Motto tritt vollends auf die neue Lebenssituation der Dana Stellgarten zu. Frisch geschieden und nun alleinerziehende Mutter zweier unter der Trennung leidender Kinder; ohne feste Arbeit, aber dafür engagiert in der ehrenamtlichen Nachbarschaftshilfe; eine Obhut gebend für ihre flügge werdende Nichte, obwohl sie somit den Groll ihrer Schwester heraufbeschwört. Dana weiß nicht, wo ihr der Kopf steht, denn eine Hiobsbotschaft löst die andere ab. Und dann wäre da noch diese sich anbahnende Romanze, die ihre Gefühle gänzlich Roulett spielen lässt. Zukunftsängste und Selbstzweifel umzingeln Dana, doch dann kommt ein Zufall zum anderen und sie wird allmählich mutig.

So dezent der Die Zufälle des Herzens auf den ersten Blick daherkommen mag, so sehr hat der Roman es dann in sich. Juliette Fay gelingt es die Momentaufnahmen des Lebens - ob schwarz oder weiß - einzufangen und mithilfe einer sehr besonderen Familie lebendig werden zu lassen.

Die Geschichte, die durch Facettenreichtum glänzt, holt ihre Leser mit ins Boot. Alles andere als aufgesetzt präsentiert die Autorin menschliche Schwächen und Stärken, Irrtümer und Eingebungen. Der bittersüße Beigeschmack entsteht vor allem durch das aus den Fugen geratene Seelenleben der Kinder. Ihre Art mit Kummer und Schmerz umzugehen, beschreibt die Autorin lebensecht und unter die Haut gehend. Dabei nimmt sie sich Problematiken wie Essstörung, Verlustangst und dem stummen Ruf nach Aufmerksamkeit an.

Das Potpourri der Charaktere zieht einen als Leser förmlich mit in den Sog der Handlung hinein. Der ganz normale Alltag einer liebenswert-chaotischen Familie wird in den Mittelpunkt gerückt, wobei diese herrliche Alltäglichkeit keinesfalls verstaubt daherkommt, sondern vielmehr vor Lebendigkeit, Aufbegehren und Aha-Momenten flirrt. Echte Sympathieträger waren für mich vor allem Nichte Alder und ihre neue beste Freundin Jet, zwei Teenager auf Abwegen, aber geführt von ihren Herzen aus Gold. 

Zu einer echten Perle macht dieses Buch in meinen Augen die Mischung aus Fingerspitzengefühl und Gesellschaftskritik, Zurückhaltung und Wagemut, Eingeständnis und Neuanfang. Juliette Fay zeigt, dass auch Bilderbücher einen Riss bekommen können. Wird die Seite geklebt, ist sie nicht mehr wie neu, allerdings nicht weniger liebenswert. Eine Moral, die zwischen den Zeilen mitschwingt, während die humorvolle und von filigranen Eigenheiten gespickte Geschichte in erster Linie eines tut, den Leser köstlich zu unterhalten.

FZIT: Berührend. Familiär. Bestärkend.


Samstag, 26. Januar 2013

[Buchpost] Ab auf die Insel(n)!

Ich bin mächtig begeistert! Erreichten mich in den vergangenen Tagen gleich zwei vielversprechende Bücher, von Autorinnen, die bei mir anklopften, um zu fragen, ob ich einen Blick in ihre Werke werfen wollen würde. Und ob! Ich bedanke mich im Vorfeld schon einmal sehr für das Vertrauen, mir ein Rezensionsexemplar zukommen zu lassen.
Hinzu kam ein Päckchen, welches das Buch für meine nächste Leserunde bei LovelyBooks in petto hatte.

Zum einen handelt es sich um den brandneu erschienenen Erfahrungsbericht Honigmann der Elisabeth Kramat, der eine Reise in die Karibik und einen damit bedeutsamen Umbruch in ihrem Leben beschreibt. 
Ein Buch, welches den Kampfgeist einer ambitionierten Frau widerspiegelt, die mit ihren Kräften am Ende zu sein schien. Ich freue mich immens auf diese motivierende und einzigartige Geschichte! 


Zum anderen erhielt ich das eBook Wie du mir von Ellen Dunne, einer irlandbegeisterten Autorin, in deren Debüt aus dem Jahr 2011 dieses wunderschöne Land und dessen nicht minder herbe Facetten samt mörderischen Verstrickungen im Fokus stehen. 
Ich erwarte anspruchsvolle und mitreißende Lesestunden, wunderbar! 


Darüber hinaus erreichte mich Juliette Fays Die Zufälle des Herzens. Denn einem glücklichen Zufall habe ich es zu verdanken, dass ich diesen Roman im Zuge einer auf LovelyBooks stattfindenden und von der Autorin begleiteten Leserunde erleben darf. 
Bereits das Cover deutet an, dass es neben rosigen Momenten auch Tiefgründigkeit und Gediegenheit zu entdecken geben wird. Vielseitig geprägten Lesemomenten steht demnach nichts im Wege. 


Donnerstag, 27. Dezember 2012

[Rezension] Das grüne nicht nur vegetarische Kochbuch (D. v. Cramm)

Dagmar von Cramm: Das grüne nicht nur vegetarische Kochbuch 

Zu diesem heiß begehrten Buch kam ich dank (m)einer Glücksfee, die mir ein Exemplar zum Testlesen und -kochen im Rahmen einer interaktiven Leserunde auf LovelyBooks hat zukommen lassen. Super!
Da ich aus privaten Interesse für Themen à la "Wie grün ist grün?", "Minimierung des ökologischen Fußabdrucks" oder auch "Wie lässt sich ein überzeugender Einklang zwischen ökologischen, sozialen und ökonomischen Komponenten des Alltagslebens finden?" aufgeschlossen bin, kam mir dieses besondere Kochbuch wie gerufen. Ums auf den Punkt zu bringen: Besser ging's nicht! Enttäuscht wurde ich beim Schmökern und Entdecken von facettenreichen Rezepten dann auch nicht, was mich persönlich wenig überraschte ...


~ Rezension ~

Das clevere Schlemmen

Dieses Kochbuch bietet grünen nicht nur vegetarischen Genuss rund ums Jahr. Schließlich widmete Dagmar von Cramm jeder der vier Jahreszeiten ein eigenes umfangreiches Kapitel, das zahlreiche abwechslungsreiche Rezeptideen sowohl für den Gelegenheitskoch als auch für den Routinier am Herd bereithält. 
Die vorgestellten Rezepte reichen von der leichten Vorspeise über den pikanten Hauptgang bis hin zum fruchtigen Dessert, sodass in jeder Saison für jeden Geschmack etwas aus dem Kochtopf gezaubert werden kann. Zusätzlich gibt eine Vielzahl bunter Illustrationen dem Leser/ Koch eine Vorstellung darüber, welche Form die zubereitete Speise vorzugsweise annehmen könnte.

Als Ernährungsexpertin kreierte die Autorin mit Das grüne nicht nur vegetarische Kochbuch einen hilfreichen Ratgeber, der auf die Wichtigkeit einer sinnvollen und nachhaltigen Zubereitung von Gerichten aufmerksam macht und plausibel das Logische vor Augen führt, ohne dabei mit dem erhobenen Zeigefinger in die Ecke zu drängen.
In einer schnelllebigen Konsumgesellschaft wie der unseren kommt der bewusste Genuss oft viel zu kurz. Das muss jedoch nicht sein! Darauf und ebenso auf die Tatsache, dass das Gute und Gesunde unserer täglichen Ernährung über das Gemüse vom Wochenmarkt hinausgeht, weist von Cramm geschickt hin.

Tipps zum grünen Einkaufen bereichern dieses Kochbuch gleichermaßen wie ernährungsphysiologische Erläuterungen, Einblicke in die Statistiken unserer Ernähungsgewohnheiten und Hinweise zum Minimieren unseres „ökologischen Fußabdrucks“ im Ressort „Küche“.

Die vorgestellten Rezepte – von der Tomaten-Frittata bis zu den Wildbirnen mit Radicchio – verfügen über eine nachvollziehbare Anleitung samt Produkttipps, Serviervariationen und Nährwertangaben.
Besonders hat mir die kreative Vielfalt der Gerichte gefallen, die zum Experimentieren und Probieren einlädt. Dabei werden traditionelle Rezepte, die seit Generationen begeistern, ebenso vorgestellt wie modern-spritzige Gänge.

Dieses Kochbuch mit dem etwas anderen Grundsatz gehört in die Hände eines jeden (Hobby-) Gourmets, der nicht nur sich und seinen Lieben, sondern auch unserem Planeten etwas Gutes tun möchte. Denn in diesem Werk wird der momentan hochaktuelle Nachhaltigkeitsgedanke auf die gleiche Weise betont wie das Bedürfnis nach intensiven Gaumenfreuden.

F★ZIT: Geschmackvoll. Illustrativ. Aktuell.


Freitag, 21. Dezember 2012

[Rezension] African Tango (Stephan Sarek)

Stephan Sarek: African Tango – Truthuhnparadies Vol. 2 

Dank einer netten Anfrage seitens des fhl Verlags, ob ich nicht Lust und Laune hätte, an einer auf LovelyBooks stattfindenden Leserunde zu dem neuen Buch von Stephan Sarek teilzunehmen, wurde ich auf diesem Roman aufmerksam. Und ob!! Ganz klare Sache, natürlich sagte ich zu! Eine Entscheidung, die ich keinesfalls bereuen sollte.
Ich habe selten ein derart an Kuriositäten und möglichen Unmöglichkeiten überschäumendes Buch gelesen. Sehr gewitzt und nicht zu empfehlen, sollte schriller Humor nicht zu den persönlichen Vorlieben zählen. Bei mir bleibt diese konfuse Geschichte, die nach Fortsetzung schreit, mit Sicherheit in Erinnerung! Danke für dieses Lesevergnügen an Autor und Verlag!


~ Rezension ~

Wie wahrscheinlich ist es, dass Truthühner Tango tanzen?

Auf der Flucht vor der Polizei müssen Maria und Björn dem Prenzlauer Berg den Rücken kehren und stattdessen mit sich umgehend neu geschaffenen Identitäten untertauchen. Als wäre diese Situation allein nicht schon prekär genug, kommen sie ohne jegliche Vorwarnung in den Genuss des Elternseins – wird ihnen kurzerhand ein afrikanisches Baby in Obhut gegeben, das eine Vorliebe für Tangomusik hat. Doch wer sind die leiblichen Eltern des Kleinen und weshalb um Himmels willen landete Michael Jackson mit einem Raumschiff mitten in Berlin? Für Maria und Björn beginnt eine verquickte, turbulente Spurensuche …

Mit African Tango, dem Nachfolger von Das Truthuhnparadies knüpft Stephan Sarek nahtlos an die skurrilen Erlebnisse Maria und Björns an. Auch dieses Mal entführt der Autor den Leser an die Seite des jungen, chaotischen und sehr ungleichen Paars, dessen Alltagsabenteuer schräger sind als der Schiefe Turm von Pisa.

Humor, Absurdität und jauchzende Unbedarftheit machen diesen Roman zu einem Stück Unterhaltung, in dem sich Wahnsinn, Schicksal und Situationskomik die Klinke in die Hand geben.
Die herrlich abgedrehten Charaktere laufen in Teil 2 der Reihe ein weiteres Mal zu bestechender Hochform auf, wobei sich erst durch das Verweben der einzelnen Handlungsstränge miteinander das komplette Kaleidoskop an unvergleichlichem Aberwitz ergibt.
Zusätzlich spielen hierbei die Vorliebe fürs Über- und Außerirdische ebenso eine tragende Hauptrolle wie die verzweifelte Suche nach der eigenen Identität und die Leidenschaft fürs Tangotanzen. Ein Potpourri, das mächtig für Unterhaltung sorgt.

Die Beständigkeit des Durchgedrehten und die Gabe, selbst aussichtslose Situationen durch präzisen Galgenhumor weniger trist erscheinen zu lassen, machen dieses Buch für mich so besonders. Es genügt selbst ein wenig bildliche Vorstellungskraft seitens des Lesers und schon ist mindestens der Schmunzelalarm abonniert.

Da Sarek die Geschichte aus verschiedenen Perspektiven erzählt, entstehen die unterschiedlichsten Blitzlichter, die sich anschließend – durch das (zufällige) Kreuzen ihrer Wege – als ein Feuerwerk des Unwahrscheinlichen offenbaren.
Der Schreibstil ist eingängig und damit entsprechend der Handlung unterhaltend und leserfreundlich, wenngleich nicht allzu tiefsinnig. Gefallen hat mir, als Freund des ungewöhnlichen Humors, vor allem die sich in den Dialogen und Gedankengängen herauskristallisierende Unbeholfenheit, Verwirrtheit und Improvisationsmoral der Figuren.

All denjenigen, die hin und wieder gern das verrückte (Trut-) Huhn in sich entdecken und/ oder für Slapstick im literarischen Format eine Vorliebe haben, kann African Tango überaus empfohlen werden.

F★ZIT: Grotesk. Ausdrucksvoll. Ulkig.


Dienstag, 4. Dezember 2012

[Rezension] Mondberge von A. Klotz und S. M. Meyer


Andreas Klotz & Stephan Martin Meyer: Mondberge

Mittels einer Leserunde, die LovelyBooks ausgerichtet hat, fand dieses Buch seinen Weg in mein Bücherregal.
Besonders schätze ich an diesem Werk, die Idee, die hinter der Geschichte steckt. Außerdem handelt es sich bei "Mondberge" nicht nur um einen Thriller, sondern um ein allumfassendes Artenschutzprogramm. Eine Thematik, die mich allein schon aus persönlichem Interesse anspricht. Ein Engagement, welches unbedingt Gehör und Tatkraft verdient! 


~ Rezension ~

Ein bedingungsloser Wettlauf um Leben und Tod

Eine deutsche Reisegruppe bricht in die imposanten Tiefen des sagenumwobenen Ruwenzori-Bergmassivs in Uganda auf. Doch was für die Teilnehmer der Trekking-Gruppe als Abstecher aus dem hektischen Alltags beginnt, entwickelt sich rasch zu einem zähen Kampf ums nackte Überleben. Denn bereits nach den ersten Etappen gerät die Gruppe in die Hände skrupelloser kongolesischer Rebellen, die ein teuflisches Spiel spielen. Schnell entpuppt sich der mystische Regenwald, in dem auch die stark bedrohten Berggorillas leben, als grüne Hölle, aus der es für Andrea, Tom und Co. augenscheinlich kein Entrinnen gibt.

Mit Mondberge schafften Andreas Klotz und Stephan Martin Meyer ein Werk, dessen Stärken in Komplexität, Detailreichtum und hoher Aktualität liegen. Denn die Autoren vereinen gesellschaftlich brisante Themen wie das bestialische Töten der bedrohten Berggorillas, die traurigen Schicksale von Kindersoldaten und den Genozid in Ruanda 1994 mit einer facettenreichen fiktiven Handlung. Auf diese Weise werden schwierige und kritische Themen gekonnt leserkompatibel verpackt.

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die undurchsichtigen Vergangenheiten der Berliner Ärztin Andrea und des Naturfotografen Tom. Um diese Charaktere herum komplettiert eine Reihe vielschichtiger Figuren den Reigen der Protagonisten. Dabei reicht die Bandbreite von dem fanatischen Rebellenführer über einen nach Rache gierenden Jugendfreund bis hin zur geschundenen Seele eines Kindersoldaten.
Sosehr mich die Gefühlskälte mancher Figuren hat schaudern und zweifeln lassen, ebenso hat mich der Überlebenswille und die unerschütterliche Freundschaft unter dem traumatisierten Kindersoldaten berührt. Auch die dargestellte Symbiose zwischen Mensch und Natur, Glauben und Kulturerhalt empfand ich als Bereicherung des Gesamtwerks.

Der bildhafte Schreibstil des Buches entführt den Leser in eine fremde Welt voller Mysterien, Schönheit und Ungewissheit. Die Afrika-Verbundenheit und gründliche Recherche der Autoren verleihen der Geschichte eine große Portion an Authentizität. Auf der anderen Seite hat mir gerade das Verweben von Realität, Sagenumwobenen und Fiktion sehr gut gefallen.
Nichtsdestotrotz beinhaltet dieses als Thriller betitelte Werk ein wenig Langatmigkeit, wohingegen besonders der dritte Abschnitt an Turbulenz gewinnt und ich mich während des Lesens wahrhaftig in den Strudel aus Hast und Furcht, Ungewissheit und Unschlüssigkeit gezogen gefühlt habe. 
Inwieweit es sich bei diesem Buch um einen Thriller handelt, sollte jeder Leser für sich entscheiden, finde ich. Für mich ist Mondberge ein starker Roman, der Elemente eines herben Politkrimis, eines Erfahrungsberichtes und einer hauchzarte Liebesgeschichte miteinander verbindet.

Die Liebe zur afrikanischen Natur und Kultur, die unbeschreibliche Schönheit dieses Kontinents, aber auch die brutale Realität des Lebens dort werden in diesem komplex angelegten, bildlich beschriebenen Buch absolut auf den Punkt gebracht. Definitiv erhörenswert!

F★ZITKulissenreich. Berührend. Diffizil. 


Freitag, 30. November 2012

[Grünes Kochen] Herbstlicher Dessertgenuss

Das grüne nicht nur vegetarische Kochbuch von Dagmar von Cramm erwies sich wieder einmal als äußerst praktisch, als mir der Sinn nach einem guten herbstlichen Dessert stand. [Ihr erkennt mit Sicherheit nun allmählich unschwer, dass ich mich eher süßen Seite des Kulinarischen verschrieben habe.] 

Meine Wahl fiel auf  ... den Nusspudding.  

Dabei handelt es sich nicht um einen Pudding im häufig gebräuchlichen Puddingpulversinn, sondern um eine Kombination aus Pudding und Griesspeise. 
Abgesehen davon, handelt es sich hierbei um ein Gericht, das die Saisonalität der Nüsse aufgreift und dank deren wertvoller Fette und Eiweiße nicht nur einen "grünen", sondern gleichzeitig gesunden Beitrag zu einer ausgewogenen, herbsttauglichen und familienkompatiblen Menüfolge leistet.

Der Pudding selbst ist nahezu in Windeseile zubereitet. Serviert man ihn wie vorgeschlagen mit selbstgemachten Pflaumenkompott oder - wie ich - alternativ mit hauseigenem Pflaumenmus, wird die nussige Note durch eine fruchtig-herbe Komponente sehr schmackhaft abgerundet. 
Um eine gewisse Vollmundigkeit zu gewähren, empfehle ich, die Nüsse für den Pudding nicht allzu fein zu mahlen, sondern eher in etwas grobere Stückchen zu hacken.

All den Milchspeise- und Dessertfans unter uns kann für dieses Rezept ein dringender Testlauf angeraten werden.


Montag, 19. November 2012

[Rezension] Da war'n es nur noch drei (Ina Bruhn)


Ina Bruhn: Disconnected 1 … Da war’n es nur noch drei 

Zu diesem Jugendbuch, das den Anfang einer (interaktiven) Reihe darstellt, kam ich durch eine Leserunde bei LovelyBooks.
Ein dänischer Jugendkrimi, dessen Ausgang noch vollends ungewiss ist, wird dem Leser präsentiert. Neben all der Brisanz fällt vor allem die Lässigkeit der Teenager ins Auge, die allerdings auch als Lebensunerfahrenheit gewertet werden kann. Hinzu kommen eine Portion Hightech, typischer Jungenhumor und das unerklärliche Verschwinden eines der Protagonisten.


~ Rezension ~

Zwischen Realität und World Wide Web

Nach den Sommerferien erkennen Mateus und Nick ihren besten Freund Jonathan kaum wieder. Aus dem einstigen Musterschüler und verantwortungsbewussten Freund ist ein desinteressierter, arroganter Junge geworden, der nichts und niemanden mehr für schätzenswert hält.
Als Matheus und Nick dann eines Tages dubiose Nachrichten eines ihnen fremden Ikarus’ via Facebook erhalten, die auf das neue Doppelleben ihres Freundes anspielen, wird die Lage immer mysteriöser. Sind die Zeitungsartikel, an denen Jonathan arbeitet, doch nur Fassade und es steckt viel mehr dahinter? Jonathans spurloses Verschwinden ist wohl der beste Beweis dafür.

Da war’n es nur noch drei (erschienen im KOSMOS Verlag) ist der Beginn einer sechsteiligen Jugendbuchreihe, die das plötzliche Verschwinden Jonathans und die dunklen Verstrickungen um seine Suche thematisieren.
In diesem ersten Buch, das von der dänischen Autorin Ina Bruhn geschrieben wurde, werden die undurchsichtigen Geschehnisse durch den Ich-Erzähler Matheus zum Leben erweckt.
Die Problematik, die in diesem Teil besonders herausgestellt wird, ist die des Drogenkonsums. Die Definition „Genussmittel“ wird von den jugendlichen Charakteren weit interpretiert und dementsprechend gelebt.
Der Schreibstil ist durch Kürze und Übersichtlichkeit geprägt, wobei eine Vielzahl von Dialogen die Handlung voranbringt.
Das komplett offene Ende des Buches empfand ich als sehr gelungen, betrachtet man die Tatsache, dass noch fünf weitere Bücher erscheinen, bis das Geheimnis um Jonathan, Ikarus & Co. endgültig gelüftet wird.

Alles in allem spiegelt das Buch für mich eine Art Wolf im Schafspelz wider: Eine undurchdringliche Handlung, die Bedrohung und Ungewissheit in sich birgt, umhüllt von der leichten Naivität jugendlicher Spürnasen. Die Neugier ist geweckt und die Suche beginnt …

F★ZIT: Undurchsichtig. Jugendlich. Herb.



Freitag, 16. November 2012

["Grünes Kochen"] Fruchtig durch den Herbst

Nachdem es mir Das Grüne nicht nur vegetarische Kochbuch von Dagmar von Cramm bereits nach einem ersten Blick angetan hatte, musste ich mich bei nächstbester Gelegenheit - sprich der Praxistaufe -  doch gleich einmal von diesem Eindruck überzeugen. 

Dafür wählte ich mir die Karamellapfelspalten aus. Dieses Rezept schien mir für den Einstieg absolut geeignet zu sein: 

Es zählt zur Rubrik der Herbstgerichte - gehört also zur saisonalen Küche 
Gartenäpfel stehen in meiner Gunst von Natur aus hoch im Kurs 
Ein schnell zuzubereitendes, wohlschmeckendes Dessert ist immer willkommen 

Aus eigener Erfahrung kann ich die Karamellapfelspalten nun wahrlich empfehlen. Das Gesamtpaket stimmt: die Zutaten sind rasch bei der Hand, die Zubereitung ist vollkommen unkompliziert und der geschmackliche Effekt ist stimmig.

Die warmen karamellisierten Apfelspalten habe ich zusammen mit einer Quarkcreme serviert, denn dieser Kontrast zwischen warm und kalt sowie zwischen zuckersüß, säuerlich-fruchtig und cremig-naturell ist eine sehr empfehlenswerte Kombination. Ein echtes Schmankerl, um eine Menüfolge gelungen abzurunden.



Donnerstag, 15. November 2012

[Buchpost] Wohlschmeckende Kost - in jeder Hinsicht

Zwei weitere Leckerbissen - im doppelten Sinne - habe ich kürzlich im Empfang nehmen dürfen.

Bei dem ersten Buch handelt es sich um einen nordischen Roman von Elfie Ligensa. Mittsommersehnsucht - ein Buch, das am 09. November 2012 in Deutschland erschienen ist, darf ich für vorablesen.de testlesen. 
Auf die Mischung aus Romantik, Spannung und hinreißender skandinavischer Kulisse freue ich mich jetzt bereits. 

Des Weiteren - ich bin schlichtweg begeistert - habe ich von LovelyBooks ein Exemplar des mehr als begehrten Das Grüne nicht nur vegetarische Kochbuch von Dagmar von Cramm erhalten. Was für ein Schmankerl! 
Dass nicht nur gesund gekocht, sondern auch über den richtigen (den nachhaltig wirkungsvollen) Umgang mit Zutaten und Ressourcen nachgedacht werden sollte - besser noch: muss - wird in diesem Buch sehr schön demonstriert und illustriert. Und dass das mit einer Steigerung des Genuss' und keinesfalls mit einem Verzicht irgendeiner Art einhergeht, versteht sich schließlich von selbst. In diesem Sinne: An die Kochlöffel, fertig, guten Appetit!


Samstag, 10. November 2012

[Buchpost] Einladung nach Italien & Uganda

Gleich zwei literarische Tickets, um in die Welt zu reisen, erreichten mich in letzter Zeit. Was dahinter steckt? Dazu an dieser Stelle mehr:

Ziel Nummer 1: Italien

Hier werde ich Caterina und Lorenzo begegnen. Zwei junge Menschen, deren Anziehungskraft zueinander von ihren Mitmenschen weder gern gesehen und schon gar nicht geduldet wird. 
Auf eine gefühlvolle, tiefgründige Geschichte bin ich gespannt, wenn ich Andrej Longos Das Sonnenblumenfeld, ein Roman, der im Oktober 2012 erschienen ist, jetzt vor mir sehe.

Ziel Nummer 2: Uganda

Dank einer Leserunde bei LovelyBooks darf ich nach Afrika reisen. 
Andreas Klotz und Stephan Martin Meyer  verfassten mit Mondberge einen Thriller, der schon auf den ersten Blick den Eindruck eines echten Schwergewichts macht. Dieses seit dem 03. November 2012 erhältliche Buch verknüpft Fantasie mit einheimischen Mythen und herber Realität, wobei Themen wie die bedrohten Berggorillas und als Soldaten missbrauchte Kinder aufgegriffen werden. 
Bereits im Vorfeld berührt mich dieses Buch, hinter welchem eine ganzheitliche Kampagne zum Artenschutz, deren Wichtigkeit ich allein aus privatem Interesse unbedingt erwähnen und hervorheben möchte, steht.


Dienstag, 30. Oktober 2012

[Rezension] Dolphin Dance (Helmut Barz)

Helmut Barz: Dolphin Dance 

Eine Kooperation in Form einer Leserunde von Sutton Krimi und LovelyBooks ermöglichte es mir, diesen beinahe noch druckfrischen Krimi eingehend zu studieren. 
Seit September 2012 ermittelt Katharina Klein wieder und kommt dabei einem dunklen Geheimnis auf die Spur.
Die im Untergrund brodelnden Machenschaften, die der Autor hervorragend ausgearbeitet hat, hatten mich bereits nach wenigen Seiten fest im Griff  glücklicherweise nicht im Würgegriff. "Schlag auf Schlag" könnte das Motto dieses Werkes getrost lauten, wobei uns Lesern ein Mindestmaß Konzentration abverlangt wird, denn so gänzlich für nebenbei ist dieses Stück Literatur eher nicht gedacht.


~ Rezension ~

Wenn die Vergangenheit dich unausweichlich einholt …

Seitdem es vor 16 Jahren geschah, findet Katharina Klein keine Ruhe. Seit ihre Familie kaltblütig ausgelöscht worden ist, hat sie Aufklärung und Vergeltung geschworen.
Katharina Klein gehört zu den Spitzenkriminalpolizisten Frankfurts, dennoch ist auch sie vor Intrigen, dunklen Machenschaften und der realen Bedrohung in ihrem eigenen Umfeld nicht gefeit. 
Gemeinsam mit ihrem einzigen noch geblieben Freund, Dr. Andreas Amendt, will und muss sie den Mörder ihrer Familie endgültig zur Strecke bringen. Dabei stößt sie auf ein gefährliches Phantom und bittere Wahrheiten, die sie im Mark erschüttern.

Mit Dolphin Dance setzt Helmut Barz ein Ausrufezeichen hinter die bisherigen Ermittlungen der Katharina Klein. Nahtlos knüpft die vor Komplexität und Brisanz strotzende Handlung an die Vorgängerwerke an.

Dieser Krimi brilliert durch eine entwaffnende Kombination aus sehr speziell gezeichneten Figuren, einem kontinuierlich ansteigenden Spannungsbogen sowie fundierter Recherche. Und ganz nebenbei überzeugten mich insbesondere die zahlreichen Details – wie eigenwillig, aber absolut liebenswürdige Nebencharaktere oder gekonnt eingesetzte Bluffs – welche eine Bereicherung der Haupthandlung darstellen.

Eine herausragende Stärke des Autors ist es, die Entwicklungen der Geschichte derartig auszufeilen, dass sich der Leser fühlt, als befände er sich direkt im Geschehen. Die Wahrheit liegt – wie auch das Vermächtnis von Katharinas Vater – noch gut verschlossen in einem Tresor. Die Ermittlungen sind geprägt von einem Vor und Zurück, dem sich der Leser nicht entziehen kann – Schockstarre und Überraschungsmoment eingeschlossen.
Markante, englischsprachige Kapitelüberschriften untermauern dabei das Undurchdringliche der Handlung, geben gleichzeitig allerdings auch subtile Ausblicke auf das Geschehen. Des Weiteren stricken der Reichtum an vielseitig dargelegten Dialogen sowie der rasche Szenenwechsel den Spannungsbogen.

Ein Sutton Krimi bester Güte beschert dem begeisterten Leser somit kurzweilige, überraschende und hochkarätige Unterhaltung, während welcher Scharfsinn gefragter ist denn je.

F★ZITSchlagfertig. Heikel. Obskur.


Mittwoch, 24. Oktober 2012

[Rezension] Die Tigerfrau (Téa Obreht)


Téa Obreht: Die Tigerfrau 

Eine fiktive Geschichte, deren Handlung sowohl Wurzeln in realen Bedrohungen als auch sagenumwobenen Mythen hat. Dank LovelyBooks durfte ich die unerschrockene Protagonistin auf einer Reise durch die Fremde und gleichzeitig eine Reise zu sich selbst begleiten. 
Als einprägsam empfand ich dabei vor allem die verschiedenen Ebenen des Erzählens - Perspektiven, die neugierig machen.


~ Rezension ~

Auf den Spuren des Tigers …

Natalia ist eine junge Ärztin, die sich in ihrer kriegserschütterten Heimat aufopfernd für das Wohl der Kinder engagiert. Ihre Fürsorge und Disziplin stehen der ihres Großvaters, der einst einer der meist gelobten Ärzte des Landes war, in nichts nach.
Nun erreicht Natalia die traurige Nachricht vom Tod ihres geliebten Großvaters. Damit beginnt für Natalia eine Reise in dessen bewegte Vergangenheit. Dabei vermischen sich nicht selten bittere Realität und sagenhafte Erzählungen miteinander.

Dieses Buch wird durch die Gabe der Autorin bestimmt, wortgewandt und absolut bildhaft Geschichten zeichnen zu können. Mich berührte beim Lesen einfach die sanfte, weiche Sprache, die zugleich eine überzeugende Tiefgründigkeit und Ernsthaftigkeit verkörperte.

Téa Obreht schuf starke Charaktere, deren Faszination vor allem von einem Mantel der Undurchdringlichkeit ausgeht. Etwas sehr Geheimnisvolles strahlen die einzelnen Figuren aus, sodass man sich ihnen kaum entziehen kann.

Besonders mochte ich auch das Verflechten der einzelnen sagenhaften Begebenheiten miteinander, sodass sich letzten Endes ein Bild ergab, das einem Hologramm gleicht. Je nach Blickwinkel ist ein Teil der Geschichte ganz eindeutig oder auch beinahe völlig verschleiert.

Alles in allem ist Die Tigerfrau ein toller Debütroman, der unglaubliche, zerbrechliche und in Erinnerung bleibende Elemente zu einem literarischen Mosaik zusammenfügt.

F★ZIT: Einfühlsam. Tiefgreifend. Entdeckend. 


Dienstag, 23. Oktober 2012

[News] Gewinn eingelöst!

Nachdem ich euch kürzlich von meiner überraschend erfolgreichen Teilnahme am diesjährigen Schreibwettbewerb Stadt, Land, Frau ... berichtet habe und ihr einen ausführlichen Einblick in meinen Beitrag Lady in Red erhaschen konntet, ist es nun an der Zeit, auch zu erzählen, welche eBooks aus dem Hause Droemer Knaur ich mir als Gewinneinlösung ausgewählt habe. 

Ein Dankeschön an neobooks möchte im Vorfeld des eigentlichen Lesevergnügens an dieser Stelle nochmals groß betonen! Die Entscheidung fiel mir bei all der hervorragenden Auswahl weiß Gott nicht leicht. Doch jetzt freue ich mich aufs Eintauchen in folgende Bücher:

Der beste Tag meines Lebens (Ashley Miller, Zack Stentz)
Naschmarkt (Anna Koschka)
Goldstück (Anne Hertz)
Eine Villa zum Verlieben (Gabriella Engelmann)

Bei der Auswahl habe ich mich vor allem von Inspiration und Intuition leiten lassen, sodass, denke ich, nicht wirklich etwas schiefgehen kann. Jetzt muss ich nur noch das eine oder andere gemütliche Stündchen zum Lesen finden. Ich halte Ausschau ...


Samstag, 20. Oktober 2012

[Buchpost] Nachschub³

In den letzten Tagen durfte ich mich gleich mehrfach über Nachschub fürs heimische Bücherregal freuen. Eine Tatsache, die die Begeisterung natürlich auch um ein Vielfaches potenzierte. Und ehrlich, die Mischung hätte vielfältiger wohl kaum sein können.

Den Reigen eröffnete mein Gewinn, für den ich auf Solitary's Bücherecke im Zuge der wöchentlichen Buch-Challenge ausgelost worden bin. Guter Drache & Böser Drache von Christine Nöstlinger und Jens Rassmus ist ein reichlich illustriertes Kinderbuch, welches erst Ende September 2012 publiziert worden ist. Danke schön, liebe Soli

Ehrlich, aufschlussreich und unglaublich geht es weiter mit Einfach Freunde von Abdel Sellou. Ein Buch, das aufgrund des dazugehörigen Filmes ordentlich an Vorschusslorbeeren für sich verbuchen, aber dennoch auch ohne dieses Tohuwabohu um die Leinwandhelden bestehen kann. Ich bin auf den Blick hinter diese sehr besondere Kulisse mächtig gespannt.

Außerdem werde ich nun Dolphin Dance von Helmut Barz im Rahmen einer LovelyBooks-Leserunde erleben dürfen. Ein brandneuer Sutton Krimi, der an Brisanz seinen Vorgängern in nichts nachstehen dürfte. Auf geht's, die Ermittlungen warten ...


Donnerstag, 18. Oktober 2012

[News] "Lady in Red" auf dem Lande

Wie vor einem Weilchen versprochen lade ich euch an dieser Stelle in die Rote Beete ein, wo ihr gemeinsam mit Minka van Bommel das Landleben der Ineke Äppelboom einmal näher kennenlernen könnt. 
Die Geschichte selbst stellt in gewisser Weise eine kleine und mit zwinkerndem Auge zu sehende Hommage an das Leben auf dem Land dar. 
Ich persönlich mag das Leben abseits des Großstadtrummels total, ob nun so wie hier angepriesen oder doch in ein wenig abgewandelter Form, das lasse ich gerade einmal dahingestellt sein.
Hier nun also mein Beitrag zum Stadt, Land, ... Frau- Schreibwettbewerb 2012 von neobooks und LovelyBooks
Wer noch einmal lesen möchte, was genau hinter diesem Aktionismus meinerseits steckt, biegt bitte hier ab. ... In diesem Sinne: Frohes Lesen!


Lady in Red

Fröhlich summend krempelte sich Ineke die Ärmel ihrer rot-schwarz karierten Hemdbluse hoch und schloss dann die Tür zur Rote Beete, ihrem eigenen kleinen Geschäft für Bioprodukte aus der Region auf.
Die Rote Beete war der ganze Stolz der jungen quirligen Frau. Und nicht nur das. Das liebevoll geführte Geschäft, das den ungetrübten Geschmack des Landlebens anpries und erfolgreich an den Mann und die Frau in der Gegend brachte, hatte sich als wahrer Glücksgriff für die gesamte Gemeinde entpuppt. „Wem einmal ein Fleck rote Beete anhaftet, wird ihn eben nicht mehr los. Genau aus diesem Grund kommen wir nicht mehr los von deinem Lädchen“, pflegte Landwirt Pretz in bester Manier zu scherzen. Komplimente wie diese machten Ineke natürlich stolz, auch wenn sie ihrer herzlichen Kundschaft meist nur einen bescheidenen Dank entgegnete.
Ineke hatte den ehemaligen Dorfkonsum vor beinahe vier Jahren und im Anschluss an ihr Finanzmanagementstudium übernommen. Nicht, um ihre Kenntnisse knallhart auf dem Markt anzuwenden, sondern vielmehr um sich rebellierend und eine Fahne schwenkend gegen den engstirnigen Wunsch ihres Vaters, der seine Tochter bereits als bissige Börsenmaklerin sah, zu stellen. Und tatsächlich, es hatte gewirkt. Das Gesicht, das ihr Vater machte, als Ineke ihm von ihren Plänen erzählte, ist allein schon ausdruckskräftig genug gewesen, um ohne Zweifel für den nächsten Oscar nominiert zu werden.
Inekes Liebe zum herrlichen Landleben bestand seit dem Tag, an dem sie als Zweijährige beschwingt und kopfüber in einen Kuhfladen auf dem Bauernhof ihrer Großeltern gefallen ist.
Im Gegensatz zu ihrem Vater, der nicht schnell genug die Segel hatte streichen und dem Hof seiner Eltern hatte entfliehen können, blühte Ineke in einem dörflichen Idyll erst richtig auf. Daher kam ihr die Annonce „Biete Dorfladen in hervorragend ländlicher Lage gegen das Wissen um fürsorgliche Weiterführung“ im Tageskurier damals wie gerufen. Oma Isidor, wie die frühere Besitzerin von allen rührig genannt wurde, wollte ihr Lebenswerk einfach nur in guten Händen wissen. Mehr nicht. Seither hatte Ineke zwar eine Generalüberholung und einen leichten Imagewandel hin zur zeitgemäßen Nachfrage nach ökologisch wertvollen Lebensmitteln und Alltagsprodukten vorgenommen, führte die Rote Beete jedoch mit gleicher Hingabe und Herzlichkeit. Die Flitzidee, wie ihr Vater das Geschäft vom ersten Tage an nannte, hatte sich beharrlich verankert und ist Inekes Fels in der Brandung geworden.

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Mit skeptischem Blick und zusammengekniffenen Mundwinkeln sah Minka van Bommel aus dem Seitenfenster ihres Autos, während das Vehikel dumpf über die Feldsteinstraße ins Dorf hinein holperte und Heiko, ihr Kameramann, im Takt der Radiomusik aufs Lenkrad trommelte.
Minka war der momentane Stern am Himmel des bundesweit größten privaten Fernsehsenders. Sie moderierte nicht nur ein an drei Wochentagen ausgestrahltes Lifestyle- Magazin, sondern führte auch regelmäßig durch große Specials des Senders. Dieses Mal drehten sie und Heiko eine vierteilige Dokumentation, die mit jungen Menschen aufwartete, die in Extremsituationen lebten.
Ehrlich, für Minka bedeuteten Vogelgezwitscher, Traktorgetöse und Latzhose das absolute und wahrlich extreme Kontrastprogramm zu ihrem eigenen Auftreten. Der Filmbeitrag über diese Lady in Red, wie sie in internen Besprechungen genannt wurde, passte dementsprechend perfekt in das Profil der Sendung.
Nervös richtete Minka ihre elegante Hochsteckfrisur und strich sich den apricotfarbenen Blazer glatt, als sie aus dem Auto stieg. Heiko hatte den Wagen allerdings derart gekonnt geparkt, dass sie augenblicklich in eine Pfütze stieg und die Designerpumps sich somit im wahrsten Sinne des Wortes gewaschen hatten. „Herrgott“, grummelte Minka, rief sich im nächsten Moment jedoch dazu auf, um alles in der Welt – komme, was wolle – die Fassung zu bewahren.

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„Hallo-oo, ist hier jemand“, trällerte Minka beinah übertrieben enthusiastisch, während sie weniger euphorisch durch die weit geöffnete Tür in die Rote Beete schaute. Ihr suchender Blick blieb sofort an einem rustikalen aber zugleich stilvollen Verkaufstresen hängen, auf dem eine scheinbar antike Kasse stand.
„Komm’ nur rein! Nicht so schüchtern, Mädchen!“, entgegnete ihr eine Reibeisenstimme.
Eine Sekunde später erschien hinter dem Regal ein Hüne mit rauschendem Bart, breitem Grinsen und ausgetretenen Gummistiefeln, die Minka gut und gerne als Einpersonenkajak hätte benutzen können.
„Äh, guten Tag“, Minka bemühte sich um Kontenance und versuchte gleichzeitig sich des Kohlgeruchs zu entziehen, den der Korb neben ihr verströmte. „Wir, mein Kollege und ich, kommen vom Fernsehen und sind auf der Suche nach Ineke Äppelboom. Wissen Sie zufällig – “ Doch schon unterbrach der Hüne sie und rief durch eine zweite Tür in den hinteren Teil des Geschäfts: „Hey Kleine, hier sind zwei Herrschaften, die ins Fernsehen wollen. Kannst du denen vielleicht weiterhelfen?“
„Nein, nein, wir wollen nicht ins Fernsehen. Wir kommen vom Fernsehen!“, erklärte Minka zum zweiten Mal und jetzt doch deutlich brüskiert.
„Ach so“, brummte der Hüne gelassen, „wie auch immer, ich muss jetzt los. Meine Liebchen rufen.“
Irritiert warf Minka Heiko einen Blick zu, der die Kamera geschultert hatte und interessiert eine erste Patrouille durch die Rote Beete unternahm. Schließlich entschied sich die Moderatorin zu einem schlichten Lächeln und einem eher einsilbigen: „Na dann, Ihnen einen reizenden Tag.“ Woraufhin der Hüne in Gummistiefeln johlend erwiderte: „Sie sind mir ja eine, reizend. Also dann, reingehau’n Liebchen.“

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Wenig später, Minka hatte sich gerade von der Begegnung der etwas anderen Art erholt, kam Ineke mit zwei Prachtexemplaren an Zucchini im Arm in den Verkaufsraum geeilt. Ihre Wangen in ein gesundes rosé gefärbt und ein paar widerspenstige Haarsträhnen ins Gesicht fallend. ‚Ach Gottchen, aber auf jeden Fall ein Hingucker’, dachte Minka spitz. ‚Sieh an, sieh an’, sagte sich Heiko in Gedanken und nickte zur Begrüßung positiv angetan.
„Entschuldigen Sie, bitte“, Ineke streifte sich die Hände an ihrer olivegrünen Latzhose ab und begrüßte die beiden dann guter Dinge.
„Keine Ursache, wirklich nicht“, offerierte Heiko rasch.
„Das ist doch nicht tragisch“, ergänzte Minka, „die Gurkenernte geht schließlich vor. Sie züchten wohl besonders gigantische Exemplare? Irgendein Geheimrezept? Vielleicht die gute Landluft?“
„Danke, aber das sind Zucchini, keine Gurken. Die hervorragende Landluft kommt uns wahrscheinlich dennoch zugute“, überspielte Ineke gekonnt den Fauxpas der Moderatorin und strahlte willkommen heißend.
„So, da wären wir nun. Mein Name ist Minka van Bommel und das ist mein Kollege Heiko Trott. Wie verabredet sind wir heute hier, um Sie und die Rote Beete für unseren Sonderbeitrag Leben extrem auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu heben“, erläuterte Minka, die sich nun gänzlich in ihrem Element befand.
„Das freut mich“, entgegnete Ineke, „allerdings sehe ich nicht wirklich einen Zusammenhang zwischen dem Titel Ihrer Sendung und meinen Wirken hier.“
„Ach was“, Minka winkte aufgeregt ab, „nicht so bescheiden. Sie passen in das Format wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Oder sollte ich sagen wie die Karotte in den Gemüseeintopf?“ Sie lachte kurz auf. „Sie sind jung, dynamisch, innovativ und haben sich eben dieser extremen Lebensweise hier verschrieben. Sie sind unsere Frau!“
„So, so“, Ineke musterte die sich in Rage redende Moderatorin mit den himbeerpinken Lippen und den spinnenbeinlangen Wimpern aufmerksam, „Jung – das passt. Dynamisch – wenn Sie so wollen. Innovativ – in gewisser Weise. Aber was bitte meinen Sie mit extremer Lebensweise?“ Neugierig und in sich ruhend erwartete Ineke die Antwort. Immerhin war das nicht die erste nette, jedoch zutiefst unwissende Person, die ihr mit einem derart verschrobenen Weltbild argumentierte.
Minka trat einen Schritt näher an Ineke heran und sprach in einem ruhigen, nahezu verschwörerisch wirkenden Ton auf sie ein: „Nun, ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, Sie müssen zugeben, dass Sie doch einen recht unkonventionellen Lebensstil pflegen. Als Absolventin einer Elitehochschule haben Sie sich entschlossen, dem pulsierenden Stadtleben samt all dessen Optionen auf Karriere und flippiger Vielfalt in Sachen Freizeitgestaltung den Rücken zuzukehren. Sie haben eisernen Willen und Biss bewiesen und haben sich eigenständig ihre eigene kleine Oase, wie sie es in unserem ersten Telefongespräch genannt haben, geschaffen. Hier inmitten eingefleischter, traditionsbewusster Landwirte, die einem ungehobelt daherkommen können. Sie verzichten auf jeglichen Luxus und arbeiten hart für ein eher durchschnittliches Einkommen. Soziale Kontakte müssen Sie entbehren und unterhaltsame Abende in gepflegter Gesellschaft sind rar. Wir denken schon, dass das alles extreme Bedingungen sind und Ihre Rote Beete daher für unser Format wie gemacht ist.“
Am liebsten hätte Ineke schallend losgelacht. Doch sie wollte der guten Frau nun auch nicht in ländlicher Holzhammermanier vor den Kopf stoßen, sonst hätte sie all jenen drolligen Unsinn gegebenenfalls noch bestätigt gesehen. Daher beschloss Ineke, die doch innerlich sehr schmunzeln musste, diplomatisch vorzugehen.
„Vielleicht sollte ich uns erst einmal einen Milchkaffee machen und dann können wir meine Extremsituation hier vor Ort vielleicht mit ein wenig mehr Gelassenheit nochmals erörtern.“
„Nun ja, äh, gerne. Milchkaffee klingt … wie soll ich sagen … Milchkaffee klingt stilvoll“, erwiderte Minka und schaute Hilfe suchend zu Heiko.
„Genau, ich stimme euch beiden zu. Erst einmal einen Milchkaffee in aller Gelassenheit und dann sieht die Welt schon ganz anders aus“, pflichtete der Kameramann entschlossen bei.
„Prima, ich bin in einem Moment zurück. Sie können sich derweil gerne ein wenig umsehen. Lassen Sie es mich nur wissen, falls Sie Interesse an einer Zucchini, einer Gurke oder einem Glas Holunderblütengelee haben.“ Grinsend verschwand Ineke hinter dem Vorhang aus laminierten Postkarten aus aller Welt.

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Minka und Heiko nutzten die Gelegenheit und sahen sich im Geschäft um und nahmen dabei schon den ersten Einspieler für die spätere Sendung auf.
„Einen wunderschönen guten Tag liebe Zuschauerinnen und Zuschauer daheim vor den Bildschirmen. Mein Name ist Minka van Bommel und Sie schauen unser Special zu Leben extrem. Gemeinsam mit uns sind Sie heute zu Gast im beschaulichen Heuhausen, wo es sich eine taffe junge Frau zur Aufgabe gemacht hat, die hiesige Landbevölkerung mit allerlei Köstlichem und Behaglichen vom Lande zu versorgen.“ Minka sprach selbstbewusst in die Kamera und hielt dabei abwechselnd ein Glas eingelegter Tomaten und einen kuscheligen Wollschal ins Bild. „Während ihre Altersgenossen unbeschwert das Großstadtflair genießen oder um die Welt jetten, stellt Ineke Äppelboom sich einem Alltag, in dem Kohlköpfe, Wind-und-Wetter-Creme und Möchtegerncasanovas – Minka dachte dabei unwillkürlich an diesen Hünen und seine Liebchen – ihr Leben bestimmen. Extreme Bedingungen, denen sich diese sympathische Frau entgegenstellt. Aber sehen Sie selbst.“ Gegebenfalls noch ein Schnitt und im Nachhinein würde hier der Filmbeitrag eingearbeitet werden.

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Als Ineke wenig später drei große Tassen Milchkaffee und einen Teller mit frischen Quark-Kirsch-Waffeln durch das Geschäft balancierte, lief Minka das Wasser im Mund zusammen. Köstlich duftete das. Sie hätte es nicht für möglich gehalten hier, in dieser doch recht beschaulichen Gegend – und das war milde ausgedrückt – einen derart modernen Imbiss serviert zu bekommen. Irgendwie hätte sie doch eher auf Kamillentee und staubtrockene Mandelplätzchen gewettet. ‚Nun ja, unverhofft kommt oft’, dachte sie bei sich und schlürfte genüsslich an der Tasse, die Ineke ihr gereicht hatte.
„Himmlisch“, entfuhr es der verdutzten Moderatorin, als sie in die hauchzarte Waffel biss.
„Nicht wahr“, entgegnete Ineke, „das Rezept habe ich von Anton, unserem Milchbauern.
Dessen Bekanntschaft haben Sie vorhin doch bereits gemacht.“
Minka verschluckte sich beinahe an ihrem Stück Waffel und funkelte Heiko an, als dieser verschmitzt hinzufügte: „Das haben wir wohl, stimmt’s, Liebchen?“
Ineke lachte. „Ja, ja, der Anton – harte Schale, butterweicher Kern. Er und seine Milchkühe, seine Liebchen, sind ein Herz und eine Seele. Liegt in der Familie, die Mertensens haben alle ein Herz aus Gold.“
„Wunderbar, da Sie gerade von Herzensangelegenheiten sprechen, frage ich Sie doch gleich einmal: Was hat Sie denn bewogen in eine solch abgelegene Wallach-, also, in diese wahrscheinlich märchenhafte Gegend zu ziehen?“ Inzwischen hatte Minka sich einigermaßen gefasst und klimperte nachdrücklich mit ihren Wimpern.
„Wissen Sie, ich liebe das Landleben seit jeher. Und nach meinem Studium bot sich die einmalige Chance die Rote Beete zu übernehmen. Hier kann ich all das verwirklichen, was ich in der Enge einer betonierten und asphaltierten Großstadt mit Sicherheit nicht könnte. Ich bin frei und unabhängig, kreativ und kommunikativ. Ich kann experimentieren und fühle mich geborgen. Jeder Tag ist eine Herausforderung, das leugne ich nicht, und gleichzeitig doch ein Genuss für alle Sinne. Die Rote Beete ist ein Ort, mit dem sich Jung und Alt gerne identifizieren. Das freut mich besonders und unterstreicht für mich die Richtigkeit meiner Entscheidung“, erklärte Ineke nicht ohne Stolz in der Stimme.
„Fabelhaft. Das heißt, wenn ich Sie richtig verstehe, sie fristen keineswegs das Dasein einer jungen, den Widrigkeiten trotzenden Einsiedlerin?“
Jetzt musste Ineke wirklich schallend auflachen. „Ganz und gar nicht. Aber machen Sie sich nichts draus, von meinem Vater habe ich damals ähnliche Argumente, oder sollte ich besser sagen Horrorszenarien, vorgelegt bekommen. Ich versichere Ihnen, hier geht es rund. Die Rote Beete ist der Treff schlechthin. Ich bin sozusagen Ernährungsberaterin, Vertrauenslehrerin, Nachrichtensprecherin und gute Fee zugleich.“
„Ich verstehe“, sagte die Moderatorin leicht aus dem Konzept gebracht, „und worin besteht für Sie dann das Extreme in ihrem Leben auf dem Lande?“
„Sagen Sie es mir! Sie schienen mir doch recht überzeugt von meinem Leben am Rande des Erträglichen“, erwiderte Ineke beschwingt und sah im Augenwinkel, dass Heiko nun auch schmunzelte. „Okay, nun mal ernsthaft. Ich liebe die extrem klare Luft am Morgen, die extrem ausgeglichenen Menschen, die extreme Geschmacksvielfalt unserer hausgemachten Produkte, die extreme Kommunikationsfreude der Nachbarn, die extrem schillernden Gesänge der Vögel, den extremen Genuss selbst gepflückter Blaubeeren, die extreme Freiheit, die Rote Beete ganz nach meiner eigenen Facon führen zu können, die extreme Neugier und Begeisterung der Kinder, wenn sie Schmetterlingen über Feld und Flur nachjagen, die extreme Gastfreundschaft des hiesigen Gasthauses, die extreme Ruhe meinen Gedanken nachgehen zu können, die extrem sternenklaren Nächte, die extreme Feierlaune unseres Stammtisches, die extrem leckeren Plundertaschen von Oma Irmchen nach Hausfrauenart, ach ja, und gelegentlich tatsächlich auch die extrem gut ausgebaute Schnellstraße Richtung Stadt“, endete Ineke zufrieden ihre Ausführungen. „Ich hoffe, das ist Ihnen fürs Erste genügend Extremes und nah am Limit Gebautes und eventuell auch etwas ordentlich Risikobehaftetes.“ Die junge Frau grinste.
„Absolut!“, brachte Minka van Bommel hervor, „Sie haben es auf beeindruckend präzise Weise auf den Punkt gebracht. Ich danke Ihnen für dieses überaus deutliche Statement.“
„Das Vergnügen war ganz meinerseits. Ehrlich, habe mich lange nicht mehr derart amüsiert. Vielleicht sollte ich doch mal wieder in die Stadt kommen.“ Ineke lächelte vergnügt.

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Zwei Wochen nach dem Interview, wurde nun die Dokumentation über die Rote Beete ausgestrahlt. Gespannt auf das, was das Fernsehteam zusammengebastelt hatte, machte es sich Ineke mit molligen Wollsocken an den Füßen und einer Tasse Rhabarbertee in den Händen gemütlich. Und dann begann auch schon die Sendung. Sogleich strahlte ein ihr wohlbekanntes freundliches, wenn auch mit einem deutlichen Übermaß an Rouge versehenes Gesicht in die Wohnzimmer der Zuschauer.
„Guten Abend liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Mein Name ist Minka van Bommel und ich präsentiere Ihnen heute einen exklusiven Blick hinter die Kulissen eines extrem beneidenswerten Lebens. Lehnen Sie sich zurück und lassen Sie sich inspirieren. Hier folgt nun unsere neuste Folge zum Senderspecial Leben extrem“, Minka legte eine winzige Kunstpause ein, „extrem sympathisch.“ Und schon folgte der Beitrag, der mit einer Nahaufnahme einer grasenden Kuh begann. Dieses markante Klischee hatte wohl einfach nicht fehlen dürfen.
Ineke lehnte sich zurück – obwohl sie das eher an die Ansage in einer Achterbahn erinnert hatte – und blickte interessiert auf den Bildschirm ihres Fernsehers.
Die liebliche Stimme Minka van Bommels untermalte die Filmsequenzen. … „Einfältig oder gar öde waren gestern. Flexibel und facettenreich präsentiert sich das Landleben heute. Die ambitionierte Finanzmanagementabsolventin Ineke Äppelboom zog es in ein kleines beschauliches Idyll, weil sie dort ihren Traum verwirklichen kann.“ … „Während die meisten in ihrem Alter rote Beete nur als Haartönung kennen oder gar für eine neue Punkband halten, managt Ineke Äppelboom ihr eigenes Business: die Rote Beete, ein hippes Biogeschäft, in dem knackige Zucchini, cremiger Honig und sahnige Milch über den Ladentisch wandern.“ … Ineke musste an sich halten. Minkas Kommentare klangen irgendwie zu gut für diese Welt. Beinahe vermisste Ineke diesen gewissen ironischen Unterton. … „Das Glück, sich die eigeneFreiheit bewahren zu können und dabei in einer Gemeinschaft zu leben, in der man aufeinander zählen kann, und in der der Bauer noch all seine Liebchen, pardon, all seine Kühe mit Namen kennt, das weiß Ineke Äppelboom zu schätzen.“ … Mittlerweile prustete Ineke los. Wenn sie nicht dabei gewesen wäre, als Minka sich naserümpfend im Geschäft umgesehen und sie misstrauisch angeschaut hatte, als sie ihr versicherte, Anton sei ein Gemütsbolzen schlechthin, wäre dieser Beitrag nur halb so drollig gewesen. Minka schien das Landleben nahezu anzupreisen. … „Wo, wenn nicht auf dem Land, können motivierte, kreative und dynamische Freigeister sich besser entfalten? Probieren Sie es aus: Tauschen Sie doch auch einfach einmal das künstliche Raumspray gegen den Duft reifer Äpfel, die Karottenhose gegen eine fesche Wathose, das Glätteisen gegen das Waffeleisen – “ … Ineke traute ihren Ohren kaum. … „– und tauchen Sie ein in eine Hülle und Fülle aus urigen Traditionen und modernen Gepflogenheiten. Neue Gesichter, wie das von Ineke Äppelboom, und ein markiges Image, wie das des Biogeschäfts Rote Beete, prägen das Landleben von heute. Wie wäre es mit der Devise „Landflucht einmal umgekehrt – Wir fliehen raus auf das Land“?
Baff starrte Ineke im ersten Moment auf den Fernseher. Dann stellte sie sich Minka van Bommel in Latzhose und Blaumann vor, die gerade dabei war, sich eine Riesengurke – oder war es eine Zucchini – in Scheiben zu schneiden und sich diese auf die mit türkisem Lidschatten geschminkten Augenlider legte. Herrlich, einfach nur herrlich abgedreht.


© Kora Kutschbach