"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Samstag, 4. Januar 2014

[Ich schreibe] "Ein magischer Moment"

Annika Bühnemann, Autorin des unterhaltsamen Romans Auf die Freundschaft, rief im vergangenen November zu einem Preisausschreiben auf, das meine Aufmerksamkeit sofort gewann. Es ging darum, die aus dem Roman bekannten Figuren in einer kleinen Episode entsprechend in Szene zu setzen.

Nun läutete sie das neue Jahr mit der Bekanntgabe der drei ersten Plätze ein. Ich schließe mich hier an und zeige euch [denjenigen, die ihn lesen möchten] einfach einmal meinen (mit dem zweiten Platz belohnten) Beitrag. Denn so ziemlich mit einem Schlag hatte ich jene magische Eingebung, die sich schlichtweg logisch anfühlte. Diese wiederum auf nur maximal drei Seiten auf den Punkt zu bringen, war dann die zugegebenermaßen größere Herausforderung.

Herzlichen Dank Annika Bühnemann für eine solch schöne Idee! Herzlichen Glückwunsch der Gewinnerin und ein Dankeschön allen Teilnehmern und Juroren! Denn ohne all die an den Tag gelegte Kreativität und Muße eurerseits wäre Annikas Aktion nur halb so lebendig gewesen.



Hier nun also mein Beitrag zum Preisausschreiben:



Auf die Freundschaft – Ein magischer Moment
Kora Kutschbach

Es würde ein Mädelsabend werden, den sie nie – Hannah hatte es mehrfach vehement betont – niemals vergessen würden. Und sie hatte, dem unablässigen Nachbohren ihrer drei Freundinnen zum Trotz, bis zum jetzigen Moment, in dem das Taxi die vier Frauen vor ihrem Lieblingsrestaurant abholte, geschwiegen wie ein Goldfisch. Sie hatte die Lippen versiegelt gehalten.
Die Idee zu jenem, wie sie selbst fand, Abend der Kategorie „Extraklasse“ war ihr kurz nach dem Showdown gekommen, der sich zwischen Claudia und ihrem Ach-so-reumütigen-einst-vom-Staat-angetrauten Ken abgespielt hatte. Nicht nur die beinahe von Claudia gewetzten Filetiermesser, sondern eben auch der in der Luft liegende und zum Schneiden dicke Reizfaktor aus Stress, Entrüstung und grollenden Rachegedanken, die nur sachte verebbten, hatten Hannah zu folgendem Schluss kommen lassen: Die vier Freundinnen – allen voran Claudia – hatten eine Auszeit bitter nötig. Da kam es ihr äußerst gelegen, dass ihr ein Anwaltskollege – zwar nicht gänzlich ohne Hintergedanken, aber immerhin – doch glatt vier Karten der heiß begehrten Mind-blowing Magic Show spendiert hatte. Eine wahnsinnig gute Show voller Illusionen und Knalleffekte, die Claudia, Karin, Maria und Hannah mit Sicherheit in eine andere Sphäre katapultieren würde. Wann, wenn nicht eingetaucht in eine Kulisse wie diese, könnte wohl offenkundiger behauptet werden, alle Probleme würden wie von Zauberhand ausradiert?
Als Hannah dann während der Taxifahrt durch die mit gleißendem Abendlicht gefluteten Straßen das wohl gehütete Geheimnis lüftete, blickte sie in Gesichter, die dem des Gemäldes Der Schrei von Edvard Munch haargenau glichen. Allerdings war der Gesichtsausdruck ihrer drei Begleiterinnen in vollem Umfang der schier sprachlos machenden Begeisterung zuzuschreiben. Nicht einem blanken Entsetzen. Karin schluckte heftig. Marias tellergroßen Augen wurden von einem hektischen Blinzeln geziert. Claudia klappte der Mund auf und zu.
Schließlich fand sie dann doch als erste die Worte wieder: „Hannah, du verrücktes Huhn, ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll? Du … du bist genial.“
„Weiß ich doch!“, entgegnete Hannah verschmitzt selbstbewusst, „Ehrlich, ihr müsstet euch sehen, Mädels. Zu ulkig. Stellt euch vor, ich hätte uns Karten für die Chippendales organisiert, dann wärt ihr aus der Gesichtslähmung gar nicht mehr herausgekommen.“
„Quatsch, Mind-blowing Magic ist eine Million Mal besser“, schaltete sich jetzt Karin ein, „ich liebe dieses Quäntchen Zauberei, das uns alles um uns herum vergessen lässt.“
Gesagt, getan. Treffender hätte Karin es wohl kaum prophezeien können. Die vier Freundinnen saßen, wenngleich es wenig ladylike wirkte, mit offenen Mündern und in die Stuhlpolster gekrallten Fingern in der ersten Reihe der Show. Sie kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Claudia hatte in der Zwischenzeit die Haltung eines professionellen Skispringers kurz vorm Erreichen des Schanzenendes eingenommen. Fasziniert folgte sie dem Geschehen auf der Bühne. Bis ...
„Lady. … Lady? Ja, Sie!“
Jetzt fühlte Claudia sich tatsächlich angesprochen und von zwei stahlblauen, mystisch wirkenden Augen förmlich durchbohrt. Sie schluckte, stand – wie von einem Puppenspieler geleitet auf –, zupfte sich ihren Blazer zurecht, warf ihr Haar in den Nacken und lächelte ihrem Gegenüber freundlich zu.
„Dürfte ich Sie vielleicht mit zu mir auf die Bühne bitten?“, fragte Dylan, ihr charismatischer Gastgeber des Abends, mit bestechend sympathischem britischen Akzent.
„Ja, natürlich. Gern.“ Mehr Worte kamen Claudia nicht über die Lippen. Schwebte sie?
„Lady, mit wem habe ich das Vergnügen?“, hakte Dylan interessiert nach.
„Mein Name ist Claudia.“
„Sie meinen Claudia wie Claudia Schiffer? Dann darf ich mich heute Abend wahrhaftig wie der große David Copperfield fühlen.“ Ein erheitertes Raunen ging durch den Saal. Claudia lächelte noch ein wenig breiter, während ihre Freundinnen ihr eifrig zuwinkten. Träumte sie?
„So, liebe Claudia, ich habe mir in den Kopf gesetzt, diesen Abend für Sie zu einem unvergesslichen zu machen“, holte Dylan vielsagend aus. „Wie wäre es, wenn wir gemeinsam ein Experiment wagen würden? Was meinen Sie?“
„Ja. Sehr gern“, entgegnete Claudia noch immer etwas perplex.
„Perfekt.“
Daraufhin bat Dylan Claudia, sich eine ihrer Jugendsünden bildlich wieder in Erinnerung zu rufen. Ooo-kay, dachte sie leicht irritiert. Claudia musste jedoch gar nicht lange überlegen. Augenblicklich schweiften ihre Gedanken zu diesem vermaledeiten Tattoo, das seit ihrer Verlobung mit Ken den Ansatz ihres großen Zehs am linken Bein zierte. Damals hatte sie wahrhaftig an die ewige Liebe geglaubt und sich Kens Namenszug in Form eines Zehenrings in die Haut stechen lassen. Lächerlich. Und spätestens seit ihrer Trennung eine Schmach bei jeder Pediküre, wenn die Kosmetikerin sie auf diesen originellen Liebesbeweis ansprach.
Jedenfalls wusste Claudia nicht erst seit heute, dass dieses Tattoo ebenso penetrant lästig war wie Kens ausufernden Märchenstunden. Vor ihrem geistigen Auge erschien nun also ihr tätowierter Zeh. Dylan bat sie jetzt das Bild in ihrem Kopf auf ein Blatt Papier zu skizzieren, es zu signieren und das Blatt anschließend in ein Kuvert zu stecken. Während das Kuvert von einer hübschen Assistentin in Gewahrsam genommen wurde, baute sich Dylan vor Claudia auf und schaute ihr tief in die Augen.
„Claudia, bitte stellen Sie sich jetzt vor, wie die von Ihnen aufgezeichnete Jugendsünde ihr Leben verändert hat!“
Ruhe im Saal. Claudia glaubte, jeder einzelne Zuschauer hätte ihren hämmernden Herzschlag hören können.
„Denken Sie nun fest daran, wie es gewesen wäre, hätten Sie damals rechtzeitig die Notbremse gezogen!“
Claudia schaute Dylan in die Augen. Mit höchster Konzentration. Während der Magier weiterhin gebannt in Claudias Augen sah, begann er allmählich sich seiner eigenen Schuhe und dann der Strümpfe zu entledigen. Anschließend ging er langsam in die Hocke und legte seine Hände auf ihre auberginefarbenen Pumps. Claudias Blick war auf Dylans Hände fixiert. Ihre Kinnlade klappte nach unten. Ganz unwillkürlich. Doch dann besann sie sich, dass nicht nur der Scheinwerfer, sondern mindestens 3.000 Augenpaare auf sie gerichtet waren. Abrupt schloss sie ihren Mund, konnte es allerdings nicht lassen, sich nervös auf die Unterlippe zu beißen.
Sekunden später stand Dylan erneut lächelnd vor Claudia und forderte sie auf, das Geheimnis um ihre nun „verblichene Jugendsünde“ zu lüften. Die Assistentin reichte ihr das Kuvert und Claudia förderte das Blatt Papier mit ihren nicht gerade preisverdächtigen Zeichenkünsten zutage. Nichtsdestotrotz waren ein Fuß samt Körperbemalung ansatzweise klar zu erahnen. Mit etwas Fantasie allemal.
Nun meinte der Magier, Claudia solle bitte einmal ihre Pumps, dann ihre Nylonstrümpfe ausziehen und dem Publikum das Original der Sünde präsentieren. Gespannt folgte sie in Windeseile den Anweisungen. Dann stockte ihr der Atem. Schockschwerenot. Das Tattoo war verschwunden. Nicht mehr da. Weg! Claudia hatte alle Mühe, dass sie jetzt nur nicht in Schnappatmung verfiel. Unfassbar. Wie in Stein gemeißelt stand sie auf der Bühne und starrte auf ihren Fuß.
Was sie seit Ewigkeiten mehr oder weniger erfolgreich versucht hatte, war Dylan binnen Sekunden gelungen. Er hatte Ken aus Claudias Leben ausradiert. Endgültig. Ohne großes Tamtam. Schlichtweg nicht zu glauben. Claudia fehlten die Worte, während es ihre Freundinnen nicht mehr auf den Stühlen hielt. Sie johlten, pfiffen und klatschten in die Hände als stünden leibhaftig die Chippendales vor ihnen auf der Bühne. Nein, das hier war besser. Viel besser. Phänomenal.


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