"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Montag, 9. Dezember 2013

[Rezension] {♫♫} Am seidenen Faden — Unter die Haut (Tim Bendzko)

Tim Bendzko: Am seidenen Faden — Unter die Haut 

Was richtig gute Musik konkret ausmacht, davon hat vermutlich jeder so seine eigene Auffassung, die er mehr oder weniger vehement verteidigt. 
Für mich macht ebenjene in häufigen Fällen vor allem eine tiefgründige Textlastigkeit, die dennoch wenig aufdringlich wirkt, aus. Wen wundert es daher, dass auch die neuste Veröffentlichung aus der Hitschmiede Bendzko auf Anhieb meine allumfassende Zustimmung erfährt? 
Ob in sich ruhend, aufgewühlt oder wild entschlossen  für mich stimmen nicht nur die Intentionen dieses Künstlers, sondern auch die Art, mit welcher er sie zu vermitteln weiß. Ohne enormes Getöse, dafür umso eindringlicher. In CD-Format UND live auf der Bühne.


~ Rezension ~

Musikalische Präzision, die poetisch daherkommt

Es gibt Lieder, die erzählen Geschichten. Geschichten, die das Leben schreibt. Geschichten, die gleichermaßen individuell wie universell anmuten und genau dadurch berühren, innehalten oder sich dankbar fühlen lassen. Ebenjene zeitlose und ausdrucksvolle Melange an mit Herz und Verstand versehenen Emotionen ist der Trumpf dieses Doppelalbums Tim Bendzkos, das uns, wenn wir es zulassen, in einen Spiegel schauen lässt. Hinhören ist das eine. Doch viel wertgebender ist das Reflektieren. Träume, die sich erfüllen. Träume, die zerschellen. Jeder kennt diese Momente. Allerdings bringen wohl die wenigsten sie derart feinsinnig, unmissverständlich und nichtsdestotrotz vielfältig deutbar auf den Punkt wie der Berliner Singer-Songwriter.

Mit Am seidenen Faden — Unter die Haut beweist Tim Bendzko einmal mehr, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Denn in den insgesamt 26 Tracks der beiden CDs überzeugt er durch ehrliche Persönlichkeit, die er in einen Mantel aus Allgemeingültigkeit kleidet. Wohl jeder Hörer wird sich in der einen oder anderen Passage der Musik wiederfinden und Parallelen zu eigenen Beobachtungen, Erfahrungen, Prämissen ziehen können. 

In gewohnter Manier setzt Tim Bendzko mit seinen klaren Texten Akzente, die tatsächlich unter die Haut gehen. Es gelingt ihm, Erkenntnisse und Emotionen wie ein Damokles Schwert am seidenen Faden über einem kreisen zu lassen.

Es bedarf keiner großartigen Schnörkel und Applikationen, um sich Gehör zu verschaffen. Für mich ist es, im Gegenteil, sehr beeindruckend, wie es dem Sänger stets aufs Neue gelingt, Botschaft und Mehrwert mit derartiger Präzision zu versehen. Die Worte, die er wählt, sitzen und treffen ins Schwarze. Ob er nun von kreisenden Geiern, dem Schmerz verblassender Erinnerungen oder der einsamen Zweisamkeit singt, nachdrückliche Bilder im Kopf entstehen unwillkürlich.

Während Tim Bendzko auf CD 1 als reiner Solokünstler nicht mehr still steht, beinhaltet die zweite Hälfte des Albums eine Reihe von Duetten mit namhaften Künstlern. Allen voran die gleichnamige Single Unter die Haut, die in Zusammenarbeit mit der großen Stimme Cassandra Steen entstand.

Die eingängigen instrumentalen Arrangements des Doppelalbums schlagen die unterschiedlichsten Töne an. Filigrane Streicher kommen ebenso zum Einsatz wie das Piano oder Gitarre und E-Gitarre. Markant an dieser Zusammenstellung ist, dass hierbei den charakteristischen seichten Klängen nicht selten ein zackiger Beat beigemischt wurde, der dem Stimmungsbild einen etwas extravaganteren Anstrich gibt.

Wie gewohnt verleiht Tim Bendzko, aller persönlichen Bodenständigkeit zum Trotz, Worten und Emotionen Flügel. Dabei spielen Nachdenklichkeit und Melancholie eine ähnlich imposante Rolle wie das Hoffnungsvolle eines Perspektivenreichtums. Ein Kaleidoskop aus zu Herzen gehenden (zwischen-) menschlichen Werten, Stärken und Schwächen wird musikalisch aufs Feinste aufbereitet.

In der Summe ein Album, das ein doppeltes Ausrufezeichen hinter die Textakrobatik, die Musikalität und das Gespür für gelebten Scharfsinn seines Interpreten setzt. Sozusagen ein gesungenes Dankeschön an die Gefühlsachterbahn des Lebens und die Chancen, welche diese bietet.

FZIT: Intensiv. Real. Wegweisend.


Kommentare:

  1. Wow... toll geschrieben. Toll in Worte gefasst. Tolle Rezi die alles sagt was ich beim Hören gedacht und gefühlt habe!
    Liebste Grüße

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    1. Dass du das so empfindest, freut mich über alle Maßen und ist ein mindestens genauso großes Wow wert. Danke vielmals!

      Sei ganz herzlich gegrüßt, liebe Charly!

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  2. Der Titeltrack war gut, aber ich habe die normale Version des Albums gehört und finde, dass er von der Öffentlichkeit und sich selbst etwas überbewertet wird. Sicher, Text und Melodie passen meistens gut zusammen, aber schöne Worte reichen nicht - es fehlt die Tiefe. Die Lieder handeln meistens von der Liebe, selten werden sie angreiferisch.

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    1. Ja, das Los, sich öffentlicher Bewertung zu stellen, zieht wohl jeder Künstler. Ich für meinen Teil kann feststellen, dass Tim Bendzko mein persönliches Empfinden durchweg trifft. Mit seiner Musik, die ich durchaus tiefgründig finde, und auch darüber hinaus. Aber jeder hat eben einen eigenen Eindruck, was gut ist.

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Herzlichen Dank für deine Worte.