"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Donnerstag, 9. Juli 2015

[Rezension] Second Glance (Jodi Picoult)

Jodi Picoult: Second Glance 
[deutscher Titel: Zeit der Gespenster]


Obgleich dieser Roman aus der Feder Jodi Picoults mittlerweile zu ihren "älteren" Werken zählt, unterstreicht die Geschichte einmal mehr das großartige Können der Autorin, erinnerungswürdige Handlungen zu kreieren. Eine Fähigkeit, mit der mich Jodi Picoult, seit ich vor Jahren begonnen habe, ihre Bücher zu lesen, stets zu beeindrucken weiß.
Dieses Mal vollzieht sie eine Gratwanderung zwischen Gegenwart und Vergangenheit, die in einem Moment schmerzhafte Wunden offen legt und im nächsten wünschenswerte Energien freisetzt.


~ Rezension ~

Wenn du dich in der Suche nach dem Verlorenen verlierst ...

Seit Ross' Verlobte Aimee vor Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, macht er sich schwere Vorwürfe. Schmerz und Sehnsucht sind ungebrochen. Ein Motor, der Ross antreibt, sich an die Existenz von Geistern zu klammern. Er hat seine Zukunft mit Aimee noch immer nicht aufgegeben. Als er dann eines Tages Lia, einer jungen geheimnisvollen Frau begegnet, spürt er zum ersten Mal seit Ewigkeiten, dass es auch für ihn noch etwas anderes als Trauer und Verzweiflung gibt. Doch ehe es sich Ross versieht, erfasst ihn erneut ein brachialer Strudel aus Unglaublichkeiten und Geistern der Vergangenheit mit gebrochenen Herzen, der ihm und seiner Schwester Shelby den Verstand rauben.

Jodi Picoults Buch Second Glance webt ein emotionales Netz, das Zeiten überdauert. 

Gebrochen, verletzlich, suchend. Diese Attribute zeichnen die Charaktere dieses Romans aus. Allen voran Ross, dicht gefolgt von Lia und Shelby. Sie alle wurden vom Schicksal mit einem schweren Päckchen bedacht. Und so verschieden ihre Lebensumstände sein mögen, so sehr verbindet sie der Wunsch nach Geborgenheit, Nähe und Sicherheit. Der von Jodi Picoult gezeichnete Weg hält einige Umwege und Schlingen bereit, betont aber zugleich die Wichtigkeit, der auf Vertrauen basierenden Grundfeste des Miteinanders.

Neben einem gefühlsbetonten Konstrukt aus bedeutungsvollen Handlungssträngen besticht die Autorin wie gewohnt durch den Einschub von realen Problematiken, deren Reflektion eine große Daseinsberechtigung haben. In diesem Buch liegt das Hauptaugenmerk dabei auf den Eugenik Projekten, welche in den 1920er und 1930er Jahren das Gesundheitswesen der USA erheblich, wenngleich von der Öffentlichkeit abgeschirmt prägten. In diesem Zusammenhang bringt Jodi Picoult gekonnt und fundiert recherchiert die Historie der einheimischen Abenaki Indianer zur Geltung. Eine komplexer Plot, der mich abermals überzeugt hat. 

Individuelle Gefühlsachterbahnen spielen ebenso eine Rolle wie der holistische Blick auf ein (überlebens-) großes Ganzes voller Konfliktpotential. Eine Mischungsverhältnis, welches anspricht.

Sowohl von der Stilistik als auch vom Aufbau des Romans ist Jodi Picoult ihren eigenen Mustern treu geblieben. Die Werdegänge der einzelnen Charaktere werden sowohl parallel nebeneinanderher erzählt, als auch durch das Schaffen gewiefter Schnittmengen miteinander verlötet. Anfangs bedurfte dies für mich ein wenig Gewöhnung an die Vielzahl der verschiedenen Figuren. Doch mit zunehmender Seitenzahl gewannen diese für mein Empfinden an Profil mit zu unterscheidenden Alleinstellungsmerkmalen.

Summa summarum ein wendungsreicher Roman, der die Facetten von Liebe und Moral, Zusammenhalt und generationsübergreifenden Feindseligkeiten in breiten Schattierungen an den Leser heranträgt.

FZIT: Überraschend. Triftig. Überdauernd. 


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