"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Donnerstag, 23. Oktober 2014

[Rezension] Der Junge muss an die frische Luft (Hape Kerkeling)

Hape Kerkeling: Der Junge muss an die frische Luft 

Für mich gehört Hape Kerkeling zu den besten Unterhaltungskünstlern, die das Land der Dichter und Denker mit Einfallsreichtum, Niveau und Glaubwürdigkeit zum Lachen, aber eben auch zum Innehalten und Nachdenken bringen.
Mit seinem neusten Buch blickt der bescheidene Ausnahmekünstler auf seine behütete, teilweise grotesk schimmernde und vor allem aber ebenso leidgeprüfte Kindheit zurück. Emotionen, die ihn maßgeblich prägten, an der Seite von Menschen, für die er sich nicht aufgeben wollte.

Ein Buch, das ermutigt, mutig zu sein!

Ein Dank an dieser Stelle dem Piper Verlag für das zur Verfügung gestellte und nun wohl gehütete Rezensionsexemplar!

Cover: Piper Verlag


~ Rezension ~

Wenn das Leben weint, bringe es zum Lachen!

Er, Hape Kerkeling, gehört zu den humorvollsten, schlagfertigsten und wandlungsfähigsten Entertainern unseres Landes. Kein Wunder, sind ihm der Sinn für Originalität und ein knuddeliges Erscheinungsbild in die Wiege gelegt worden. Und dann wiederum ist es doch ein Wunder, dass Hape Kerkeling, solange er denken kann, seine Mitmenschen aufs Beste zu unterhalten weiß. Denn als er acht Jahre alt ist, endet seine Kindheit von heute auf morgen, als seine einst lebenslustige Mutter nach langem Leidensweg nur noch ihren Freitod als Erlösung sieht. Eine Radikalität des Schicksals, an der Hape Kerkeling zu zerbrechen droht. Ein freier Fall beginnt, dessen unerbittlicher Aufprall vor allem durch ihm beherzt zur Seite stehende Großeltern und ein unerschütterliches Vertrauen in die komische Seite des Lebens verhindert wird.

Wie viel Herz und Schmerz in Hape Kerkelings autobiografischem Werk Der Junge muss an die frische Luft stecken, ist in jedem einzelnen Kapitel überdeutlich spürbar. Der Leser verliert sich mit einem weinenden und einem lachenden Auge in dieser aufrichtigen Lebensgeschichte.

Nach einer steilen und von seiner Großmutter bereits in jüngsten Kindertagen prophezeiten Karriere als Unterhaltungskünstler offenbart Hape Kerkeling nun ein Kapitel seines Lebens, das dunkler kaum hätte sein können. Doch bei all der Endgültigkeit, vor die ihn der frühe Tod seiner Mutter stellte, beweist er zugleich, dass das Tal der bitteren Tränen ihn zu dem positiven, dankbaren und expeditionsfreudigen Menschen gemacht hat, den eine ganze Nation zu schätzen weiß.

Bei all der traumatischen Dramatik, die der Autor nach über vier Jahrzehnten entschlossen beleuchtet, glänzt seine Erzählung dennoch durch piekfeine Pointen, galgenhumorige Momente und fantasievollen Scharfsinn. Während des Lesens entsteht auf diesem Wege eine Atmosphäre, die nach allen Regeln der Kunst mitfühlen lässt. Gerade die Mischung aus drolliger Bildhaftigkeit und tiefstem Seelenschmerz macht das Buch für mich zu einem unmissverständlichen Symbol persönlicher Willenskraft, Stärke und Wahrhaftigkeit.

Hape Kerkeling lädt den Leser gewohnt gewitzt und ungewohnt offen ein, sich zu ihm und seiner herzlich-resoluten und nicht minder liebenswert eigenwilligen Familie zu gesellen. Der Weg vom kleinen, mondgesichtigen Jungen aus dem Ruhrpott mit einer Vorliebe für Schokoladenpudding und einer unnachahmlich akkuraten Beobachtungsgabe hin zu einem der beliebtesten Entertainer der Gegenwart verläuft dabei alles andere als einwandfrei geradlinig. Unumwunden stellt Hape Kerkeling das heraus.

Indem der Autor sein Innerstes nach außen kehrt, macht er Mut. Offen spricht er darüber, wie sehr ihn die Hilflosigkeit an der Seite seiner kranken Mama als Kind überfordert hat. Doch ebenso waren das die ersten Momente, in denen er über sich hinausgewachsen ist, denn nichts wollte er sehnlicher, als seiner Mama ein Lächeln zu schenken. Jene Zeit war auch die Geburtsstunde seines bis heute überzeugenden Improvisationstalents und dem Feingefühl für witzige Absurdität.

Hape Kerkeling hat, obwohl ihn das Trauma seiner Kindheit niemals wirklich losgelassen hat, die Liebe zum Leben nie verloren. Beinahe mutet es an, als hätte er aus der Not eine Tugend gemacht. Doch vielmehr hat das schmerzliche Leid sein kreatives, bereits seit dem Kleinkindalter vorhandenes Talent nur noch stärker gefördert. Denn eine immense Entschlossenheit sollte auch eine schier überwältigend wirkende Tragik überdauern. Ein Resümee, mit dem Hape Kerkeling jeden Einzelnen von uns ermutigt, das Leben mit all seinen Facetten als Geschenk zu sehen.

FZIT: Bittersüß. Gefühlsbetont. Vorbildhaft.


Kommentare:

  1. Liebe Kora,

    deine Rezension gefällt mir wieder einmal ausgesprochen gut. Ich bin Hapes Buch in den letzten Wochen bereits mehrmals begegnet. Nach deiner Rezension werde ich es wohl nun endgültig auf meine Wunschliste packen. Die Thematik der Depression bzw. des Freitods findet innerhalb unserer Spaßgesellschaft in der Öffentlichkeit leider viel zu wenig Beachtung. Es wäre schon, wenn gerade ein Entertainer das ändern könnte.

    Ich drück dich ganz fest!
    Katha

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    1. Liebe Katha,

      ich kann dir nur zustimmen. Hape Kerkeling gelingt es, einen Themenkomplex anzuschneiden, dessen Wertigkeit viel zu oft an Bedeutung verliert. Damit setzt er, wie ich finde, auf ganz eigene Art ein (Ausrufe-) Zeichen, dem wir Aufmerksamkeit schenken sollten. Ich glaube wirklich, dass du das Buch mögen wirst.
      Danke schön natürlich auch für dein Lob! Es freut mich, dass ich deine Wunschliste bereichern konnte.

      Herzlichste Grüße machen sich auf den Weg zu dir,
      Kora

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Herzlichen Dank für deine Worte.