"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Mittwoch, 5. September 2012

[Rezension] Ich weiß, was du denkst (Thorsten Havener)


Thorsten Havener: Ich weiß, was du denkst 

Ich bin absoluter Fan von Illusionen, Magie und auch deutlich realeren Thematiken wie das Lesen von Gedanken und das Deuten von Körpersprache. Demnach traf dieses Buch bei mir genau ins Schwarze. 
Dass ich oft nur zustimmend schmunzeln oder einfach nur gespannt die Seiten in Windeseile umblättern konnte, unterstrich den Unterhaltungs- und gar Lehrwert des Buches - je nach Ambition. Und ganz nebenbei lernt man, sich selbst und seine Umgebung exakter, konzentrierter und intuitiver wahrzunehmen - sehr gelungen!


~ Rezension ~

Die Kunst des Gedankenlesens ist keine Hexerei

Thorsten Havener ist Diplom-Dolmetscher und einer der bekanntesten Gedankenleser Deutschlands. Dass hinter seinen Erfolgen keine Zauberei steckt, sondern vielmehr eine präzise Beobachtungsgabe, die Geduld, Fingerspitzengefühl und Intuition verlangt, beschreibt er in diesem Buch.
Mithilfe von Anekdoten eigens gesammelter Erlebnisse und wissenschaftlich untermauerten Studien werden die aufmerksamen Leser gut unterhalten und bekommen gleichzeitig solides Handwerkszeug für einen geschickten und verblüffend treffsicheren Umgang mit den Mitmenschen geliefert. In der Tat, viele Kleinigkeiten, die einen überzeugenden Gedankenleser ausmachen, werden uns täglich auf dem Silbertablett serviert. Wir müssen sie nur erkennen können.

Mit Ich weiß, was du denkst gewährt Thorsten Havener einen spannenden Einblick in die Kunst, Mimik, Gestik und Körpersprache unseres Gegenübers binnen Sekunden erfassen, interpretieren und in faszinierende Erkenntnisse umwandeln zu können.
Eine den Leser ins Geschehen einbeziehende Schreibweise, persönliche Erfahrungen des Autors sowie einige Überraschungseffekte machen die Lebendigkeit des Buches aus.
Wer sich für das weite und geheimnisumwobene Feld des Gedankenlesens interessiert und einmal einen Blick hinter die kunstvoll inszenierte Kulisse werfen oder gar selbst seine Menschenkenntnis schulen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

F★ZIT: Punktgenau. Staunenswert. Illustrativ.


Dienstag, 4. September 2012

[Buchpost] Skurril & Niedlich

Die Post der vergangenen Tage brachte auch wieder stets willkommene Bewohner für mein Bücherregal mit sich. Fabelhaft!

Zum einen erreichte mich Das Truthuhnparadies von Stephan Sarek - ein mit schrägem Humor ausgestatteter Roman, der sich dem Wohl der Truthühnern (oder den verpuppten Außerirdischen) widmet. Ein Dank für dieses Rezensionsexemplar geht an den fhl Verlag.

Des Weiteren bereichert ab sofort ein wahrhaft putzig gestaltetes Kinderbuch - Der unsichtbare Wink von Emily Jenkins - meine Buchsammlung. 
Dieses Buch ist druckfrisch im CARLSEN Verlag erschienen und ich darf es nun testlesen. Auf die Begegnung mit dem kleinen Hank und seinem unsichtbaren Freund bin ich gleichermaßen gespannt.



[Rezension] Tintenherz (Cornelia Funke)

Cornelia Funke: Tintenherz 

Cornelia Funke zählt zu den bekanntesten und weltweit erfolgreichsten Kinder- und Jugendbuchautorinnen unseres Landes. Und nicht zu Unrecht wird sie von Zeit zu Zeit als die deutsche J. K. Rowling betitelt. Sie kreiert stets aufs neue wundersame Fantasiewelten, in die junge und jung gebliebene Leser immer wieder hineintauchen können.
Die Tintenwelt ist eben eine solche himmlisch fantastische Sphäre, in welcher der nicht untypische Kampf zwischen Gut und Böse auf einer vollkommen neuen Ebene und bereichert durch die Gabe der Autorin zur schönsten Wortmalerei und glorreichen Fantasie stattfindet.


~ Rezension ~

Entdecke die Welt zwischen den Zeilen … 

Mo ist Buchbinder mit Leib und Seele und hat die Gabe mit seiner Stimme Geschichten zum Leben zu erwecken. Die Figuren entspringen förmlich ihren Büchern. Allerdings nur im Tausch gegen Personen aus der realen Welt. So verlor Mo vor Jahren seine Frau Resa an die Tintenwelt und hat seither keine Geschichte mehr laut gelesen.
Als seine Tochter Meggie dieses Geheimnis entdeckt, fühlt sie sich Büchern zugewandter als je zuvor. Doch als die beiden samt Großtante Elinor plötzlich Capricorn, dem grausamen Herrscher der Tintenwelt, gegenüberstehen, beginnt ein Abenteuer, das die magische Märchenwelt in einen Ort verwandelt, an dem Angst, Schrecken und Terror regieren.

Cornelia Funke zählt zu den wenigen deutschen Kinder- und Jugendbuchautoren, die auch international erfolgreich sind. Zu Recht! Mit Tintenherz schafft sie eine wunderbar bunte und fantasievolle Welt samt magischer Geschöpfe und echter Gefühle. 
Zauberhafte Details inmitten einer komplexen Handlung bieten besten Lesespaß für die ganze Familie. Als besonderes Extra empfinde ich die liebevollen Illustrationen der Kapitel, die Funke selbst entworfen hat. Für mich hat die bunte Wortgewandtheit, mit welcher das Abenteuer um Meggie und Mo erzählt wird, der Geschichte eine wirkliche Prise Magie verliehen.
Alles in allem ein sehr schönes Buch, für alle, die es lieben, sich in Fantasiewelten zu verlieren. Wer nicht genug bekommen kann, der sollte unbedingt die komplette Trilogie, sprich Tintenblut und Tintentod lesen. 


F★ZIT: Mirakulös. Clever. Gewandt.


Montag, 3. September 2012

[News] E-M@il für mich

Wie in den letzten Tagen bereits mehrfach fröhlich thematisiert, durfte ich mich über eine recht erfolgreiche Teilnahme an der KiBuLo-Sommer-Rallye freuen.

Der Preis, den ich für meine Geschichte erhalten werde, setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen. Kürzlich teilte mir die nicht unwesentlich an diesem kreativen Projekt beteiligte Autorin Renate Zawrel in einer E-Mail noch eine weitere fabelhafte Neuigkeit mit.

Dem Ganzen wird nämlich die Krone aufgesetzt, indem der Sarturia Verlag - seines Zeichens die Traumfabrik für angehende Meister der Feder - die gesamte Fassung von Wunschträumen erlaubt! in eine demnächst erscheinende Märchenanthologie integriert. Wer hätte gedacht, dass ich eines Tages in die Fußstapfen der Gebrüder Grimm treten werde?


[Rezension] PS, I Love You (Cecelia Ahern)

Cecelia Ahern: PS, I love you 
[deutscher Titel: P.S. Ich liebe Dich]

Für hoffnungslose oder auch hoffnungsvolle Träumer (je nach entsprechender Sichtweise) ist dieses erste Buch der Irin Cecelia Ahern unumgänglich.
Ich bin durch eine Leseprobe neugierig darauf geworden und konnte es dann kaum abwarten, das Buch in Händen zu halten. Das liegt wohl auch daran, dass ich einen solch emotionalen Schreibstil einfach liebe und dann stets in den hoffenden, bangenden oder visionären Bann der Figuren gezogen werde. Das hat auch bei diesem Buch einwandfrei und ohne große Mühe geklappt. Ich wurde förmlich von den mitreißenden Sturzbächen der zwischen den Seiten rauschenden Emotionalität davongespült  ...

Cover: Harper Collins Publ. UK


~ Rezension ~

Für immer und ewig und darüber hinaus …

Nach dem Tod ihres geliebten Ehemanns Gerry versinkt Holly in hoffnungsloser Melancholie und Trauer. Das Leben scheint für die junge Witwe keinen Sinn mehr zu haben, bis sie eines Tages ein Päckchen erreicht, dessen Inhalt sie sich neu (er)finden lässt.
Gerry hat Holly vor seinem Tod zehn wunderbare Briefe, je einen für jeden noch folgenden Monat des Jahres, geschrieben, in denen er sie auffordert, an sich und eine hoffnungsvolle Zukunft zu glauben. Mit Hilfe ihrer Familie und Freunde entdeckt Holly wieder, was es bedeutet wirklich zu leben, auch wenn ihr die Wehmut über den Verlust Gerrys stets aufs Neue das Herz bricht. Was können zehn Briefe, die Holly zehn Mal herausfordern neues Glück zu finden, wirklich bewirken? Und wie geht das Leben dann ohne ein PS, I Love You weiter? Für Holly beginnt eine Reise zu sich selbst …

Cecelia Ahern gelang mit ihrem Debütroman ein Stück Literatur, das mittlerweile schon beinahe als Vorzeigebeispiel für herzerwärmende Liebesgeschichten zählen kann. Das klassische Happy End ist, das wird unvermittelt deutlich, unerreichbar. Doch wie gelingt es stattdessen und basierend auf dem Porträt einer trauernden Witwe, eine Geschichte zu erzählen, deren Mischung aus Lethargie und Energie zu einem Wegweiser wird, der über den Rahmen der Fiktion hinausreicht?

Holly wird als Protagonistin gezeichnet, die unterschiedlichste Facetten vereint. Ihr Schicksal symbolisiert einerseits die Gratwanderung am emotionalen Abgrund, anderseits schimmert es als warmer Hoffnungsträger. 
Die Route durch das durchwanderte Tal der Tränen wird dabei von den Briefen Gerrys maßgeblich vorgeben. Mit beeindruckendem Fingerspitzengefühl sorgen vor allem Gerrys Zeilen für das Leuchten und Lachen im Dunkeln.

PS, I Love You besticht durch hervorragend dargebotene Emotionen, welche die gesamte Bandbreite abdecken: Fassungslosigkeit und Zerbrechlichkeit, Glaube und Hoffnung, Freundschaft und Liebe. Vor allem mochte ich die bildhafte Sprache, durch welche die Charaktere sehr authentisch und lebensnah wirken. Die Achterbahn der Gefühle, welche die Figuren erleben, überträgt sich von Kapitel zu Kapitel ganz selbstverständlich auf den Leser an Hollys Seite.

Was für mich — über den hohen Grad an fulminanter Emotionalität hinaus —  besonders erwähnenswert scheint, ist die Botschaft, die Cecelia Ahern in ihren Roman legt. Sie macht die wichtige Thematik der Trauerarbeit zu einer alles entscheidenden Komponente und weiß dabei stets den optimistischen Grundtenor zu halten. Die Balance zwischen überwältigender Traurigkeit und zurückgewonnenem Lebensmut empfinde ich ohne Frage als eine Stärke dieses Buches.

Insgesamt ein wahrer Herz-Schmerz-Roman, dessen Gefühlsbetonung in einer eigenen Liga spielt. Ein fiktiver Kontext, der dennoch nicht selten beängstigend real scheint und die Frage nach dem eigenen Was-wäre-wenn-Szenario sozusagen auf dem Silbertablett serviert.

F★ZIT: Schwebend. Zerschmetternd. Berührend.


Sonntag, 2. September 2012

[News] Wunschträumen erlaubt!

Wie bereits vor Kurzem beschrieben, durfte ich mich über den Gewinn der 3. Sommer-Rallye-Etappe 2012, deren Initiatoren die KiBuLos und die österreichische Autorin Renate Zawrel waren, freuen. Nach der offiziellen Verkündung auf der Homepage der Kinderbuchlotsen gibt es nun auch auf Creativity First die gesamte Geschichte Wunschträumen erlaubt! zu lesen. 

Wer möchte, kann die Einladung an die Nordsee gern annehmen und Claudia auf ihrer erstaunlichen Reise begleiten.

Et voilà, viel Spaß damit!



Renate Zawrel & Kora Kutschbach

— Wunschträumen erlaubt! — 


Missmutig schob Claudia die Reisetasche von links nach rechts. Wer wollte schon an die Nordsee reisen? Alle Freundinnen der Schülerin würden in diesem Jahr ihre Sommerferien an irgendwelchen Mittelmeerküsten verbringen und braungebrannt wiederkehren.
Nur Claudia Sommer war mit der sensationellen Nachricht ihrer Eltern überrascht worden, in diesem Jahr etwas ganz besonderes unternehmen zu wollen. Drei Wochen – man stelle sich das vor – drei ganze Wochen in der Abgeschiedenheit einer Nordseeinsel. Langeweile war vorprogrammiert. Was konnte man dort schon unternehmen, außer in einem windschiefen Strandkorb den Windböen trotzen? Mutter würde mindestens zehn neue Sonnenhüte kaufen und darüber berichten, wie schädlich sich der tägliche Konsum von Schleckeis auf den menschlichen Körper auswirkte. Die Interessen des Vaters beschränkten sich darauf, Unmengen von Büchern und Zeitschriften zu lesen und die anfänglichen Fragen der Tochter, ob man gemeinsam etwas spielen könnte, mit „Später mein Kind, später“ zu beantworten.
„Hast du schon deine Sachen eingepackt, Liebes?“ Klara Sommer kämpfte sich durch die schon gepackten Koffer, die den Vorraum blockierten. Eine Reisetasche fehlte noch, nämlich jene der Tochter.
Dieses störrische Kind konnte aber auch nerven. Vielleicht war die beginnende Pubertät der Auslöser dafür. Seufzend strich sich die Mutter eine Haarsträhne aus dem Gesicht und wartete auf die Antwort Claudias.
„Nein“, klang es gelangweilt aus dem Kinderzimmer. „Ich weiß nicht, was man in ein Straflager mitnimmt.“ Das war deutlich. Vielleicht begriff endlich mal jemand, dass eine knapp Vierzehnjährige nicht auf eine Insel wollte, wo sich die Zivilisation mit Pferdewagen fortbewegte, da Autos dort verpönt waren.
Die Hinreise zum Urlaubsziel gestaltete sich schweigsam. Drei Leute im Auto, und das einzige Geräusch wurde vom Knistern des Sendersuchlaufs im Radio verursacht.
„Kann mal jemand eine CD einlegen?“, motzte der Teenager. Wobei sich der Grant auch gegen sich selbst richtete. Wer war denn so intelligent gewesen und hatte den MP3 Player in die Reisetasche gepackt, die jetzt irgendwo zwischen dem anderen Gepäck im Kofferraum eingequetscht war?
„Es reicht“, wetterte Matthias Sommer. „Deine offensichtliche Abneigung hängt mir zum Hals raus. Nächstes Jahr bleibst du daheim.“
Schon wollte Claudia jubeln, als der Vater hinzusetzte: „Tante Agathe wird sich freuen, wenn du sie besuchst.“ Mist, das war nun keine berauschende Aussicht und vorsichtshalber verkniff sich das Mädchen jede weitere Bemerkung. Auch dann, als sie auf der Fähre Platz nahmen und weit und breit niemand zu sehen war, der nur annähernd in Claudias Alter war. Reizend!
„Da vorne“, erklärte Klara mit fröhlichem Lächeln im Gesicht, „ist unsere Ferieninsel. Wir werden sicher viel Spaß haben. Denkt ihr nicht auch?“
Liebevoll umarmte Matthias seine Frau und raunte „Sicher mein Schatz.“ in ihr Ohr. 
Hallo! Waren ihre Eltern auf beiden Ohren taub und auf beiden Augen blind? Welchen Spaß, bitte?
‚Wenigstens habe ich ein eigenes Zimmer‘, dachte Claudia kurze Zeit später und belohnte dieses Highlight mit einer brummigen Zustimmung zu einem ersten Inselspaziergang.
Neugierig verfolgte ein dunkles Augenpaar das blondgelockte Mädchen, das da hinter seinen Eltern her stapfte. Unauffällig folgte der Bursche mit seinen roten Sneakers der Familie und zerknüllte das Stück Papier in seiner rechten Hand. Der darauf gezeichnete Plan hatte sich in sein Gedächtnis gebrannt. Nicks Gedanken waren so konzentriert, dass er das abrupte Anhalten der Leute vor ihm nicht merkte und ungebremst in Claudias Rücken krachte.
„‘tschuldigung!“, nuschelte der Fünfzehnjährige und senkte betreten den Blick.
„Ist ja nichts passiert“, entgegnete das Mädchen und lächelte. Vielleicht würde der Inselaufenthalt doch noch interessant werden. „Ich heiße Claudia, und du?“
„Nick!“ Und Nick versäumte keine Zeit. „Hast du morgen Zeit? Ich möchte dir etwas zeigen, was ich gefunden habe. Unten beim Schiffswrack.“
Überrascht, dass der Bursche es so eilig hatte, aber neugierig, stimmte Claudia zu: „Klar, ich mach ja Urlaub hier. Wann?“
„Um dreizehn Uhr“, murmelte der Halbwüchsige, machte auf dem Absatz kehrt, lief die Straße wieder zurück und verschwand in einer Seitengasse.
Die Eltern waren so in ihr Gespräch vertieft, dass sie das leise Geplänkel der Jugendlichen nicht bemerkt hatten. Gutgelaunt hakte sich die Tochter bei Mutter und Vater unter. Morgen würden die Weichen für einen tollen Urlaub gestellt.

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Claudia verharrte im Schatten der morschen Schiffsplanken. Seltsame Spuren im Sand erzählten davon, dass erst kürzlich jemand hier gewesen sein musste. Aber es waren keine menschlichen Spuren – keine Fußabdrücke oder Vertiefungen, die Schuhe hinterließen. Viel tiefer und breiter verliefen die deutlichen Markierungen.
Durch den Schiffsrumpf ging ein wütendes Grollen und als das Mädchen sich umwandte, erblickte einen sagenhaft schillernden Regenbogen, der aus dem düsteren Rumpf des Schiffes in hohem Bogen auf den Strand fiel.
„Wow“, murmelte Claudia, „wie … was … wo kommt denn jetzt plötzlich dieser Regenbogen her? … Nick, sieh doch nur!“
„Ja, gigantisch, nicht wahr? Komm jetzt schnell mal hierher“, entgegnete der Junge und gestikulierte wild mit den Armen.
Claudia, die noch immer von der intensiven Leuchtkraft fasziniert war, tat daraufhin behutsam einen Schritt vor den anderen und steuerte auf Nick zu, der nur eine Armlänge vom Beginn des Regenbogens entfernt stand.
Noch nie zuvor hatte Claudia einen derart magischen Regenbogen wahrgenommen. Klar, hoch am Himmel waren diese Erscheinungen schon schön anzusehen, aber dies war gerade eine vollkommen andere Situation. Der Regenbogen machte einen absolut soliden Eindruck. Er wirkte kein bisschen vergänglich. ‚Seltsam, echt seltsam’, dachte sich Claudia.
„Nun mach’ schon!“, drängte Nick, der ungeduldig von einem Fuß auf den anderen hüpfte, „Das Portal ist nicht ewig offen. Wir müssen uns schon ein wenig beeilen.“
Entgeistert blickte Claudia ihn an: „Wie bitte, sagtest du gerade Portal? Du hast wohl zu viele Science-Fiction-Romane gelesen. Ich glaube wohl kaum, dass – “
Doch Nick schnitt Claudia das Wort ab, indem er nun ein paar Schritte auf sie zuging, sie an beiden Händen packte und meinte: „Nein, das ist kein Scherz. Ehrlich. Ich meine es Ernst. Dieser Regenbogen ist ein Portal in eine andere Sphäre oder Welt oder so etwas. Komm’, ich
beweise es dir!“ Beinahe flehend sah er Claudia geradewegs in die Augen.
Okay, sie wusste gerade überhaupt nicht, was sie von dieser merkwürdigen Situation halten sollte. Nun, sie hatte sich mehr Action und Tohuwabohu gewünscht. Wer wollte schon den lieben langen Tag Quallen am Strand zählen? Aber das hier überstieg gerade wirklich ihre kühnsten Vorstellungen.
Claudias Eltern schlenderten derweil durch das niedliche Touristenidyll der Insel und konnten sich wohl nicht mit einer Silbe vorstellen, wie sehr sich der morgendliche Wunsch an ihre Tochter bewahrheiten sollte. Hatten sie doch gemeint: „Spätzchen, lass die doch einfach ein wenig auf das Inselleben ein. Es gibt hier bestimmt noch so manches spannende Eckchen zu entdecken. Halt die Augen offen und sieh die Ferien als Abstecher ins Ungewisse.“ Bei diesen Worten hatte Claudia die Augen nahezu meisterhaft verdreht. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um nicht zu sagen, wie lächerlich sie dieses Erzwingen von Abenteuer fand. Letzten Endes hatte sie ihren Eltern jedoch ohne weiteres Murren einen wunderbar erholsamen Nachmittag gewünscht und war mit Neugier und ihrer neuen Digitalkamera im Gepäck zum Schiffswrack aufgebrochen.
Nun stand sie also hier. Fein, wenn das eine Art Mutprobe darstellen sollte, bitte. Dann hatte sie wenigstens etwas zu erzählen, wenn ihre Klassenkameradinnen mit den Hochglanzfotos ihrer Mittelmeerreisen um sich wedelten.
„Schon gut, schon gut“, sie versuchte sich aus Nicks Griff zu lösen, „Nehmen wir an, ich glaube dir: Dann möchte ich gern wissen, weshalb du ausgerechnet mich zu diesem … diesem Portal gelotst hast? Wir kennen uns doch so überhaupt nicht.“
Nick biss sich auf die Unterlippe, atmete tief durch und antwortete dann mit einem verschwörerischen Unterton in der Stimme: „Ähm, also, eigentlich ist es so, dass du mich überhaupt nicht kennst, ich dich allerdings schon ein wenig.“
Verdutzt starrte Claudia ihn an, während sie im Augenwinkel weiterhin die strahlenden Farben des Regenbogens wahrnahm. Sie wirkten irgendwie anziehend, zu leugnen war das gewiss nicht.
„Meine Cousine Clementine geht in deine Klasse“, fuhr Nick entschlossen fort, „und sie hat mir von einem Mädchen in ihrem Freundeskreis erzählt, das sich unwahrscheinlich gern für den Umwelt- und Naturschutz einsetzt. Das bist doch du, oder?“
Claudia nickte und spürte, dass ihre Knie weich wurden. Was um Himmels willen hatte das alles zu bedeuten?
„Um ehrlich zu sein, das ist in unserem Alter ein doch eher ungewöhnliches Interesse.“ Nick blickte sie jetzt anerkennend an. „Ich tüftle seit einiger Zeit an einem neuen Konzept, das den Einheimischen und auch den Touristen unserer naturnahen Insel die Dringlichkeit und den Sinn von umweltfreundlichen und ressourcenschonenden Verhaltensweisen vor Augen führt. Du weißt schon, etwas das Zukunft hat und über das übliche Geplänkel wie autofreie Zonen oder recyceltes Papier hinausgeht.“
„Mmmhhh“, geistesabwesend und mit angestrengt konzentriertem Gesichtsausdruck versuchte Claudia Nicks Ausführungen zu folgen.
„Und bei meinen Recherchen bin ich dann rein zufällig auf dieses unglaubliche Portal gestoßen. Als Clementine mir auch noch berichtete, dass du in den Sommerferien auf die Insel kommen würdest, war ich begeistert. Endlich könnte ich jemanden treffen, der mein Anliegen versteht und mich auf meinen Expeditionen begleiten könnte.“ Erwartungsvoll leuchteten Nicks Augen, als er geendet hatte.

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Anfangs hatte Claudia sich noch recht wacklig auf den Beinen gefühlt und sich Meter für Meter nur auf Nicks rote Sneakers konzentriert. Irgendwie verständlich, immerhin lief man nicht jeden Tag einen Regenbogen entlang und durchquerte ein magisches Portal.
Doch konnte Claudia nun nicht eine Sekunde mehr damit verschwenden, sich ihrem Zögern hinzugeben. Viel zu atemberaubend waren die Eindrücke. Ahs und Ohs reihten sich aneinander. Nicks Schwall an Erklärungen prasselte auf sie ein.
Claudia vernahm dieses positive Flirren, das sich auf sie übertrug, während sie diese unglaublich Szenerie, die sich vor ihr erstreckte, auf sich wirken ließ.
Ein herrlicher Strand und die Weite der Nordsee fielen ihr auch hier sofort ins Auge. Das waren allerdings schon die einzigen Gemeinsamkeiten mit ihrer „normalen“ Welt.
Zuerst einmal waren es die Farben, die sie in den Bann zogen. Die Kulisse sah aus, als hätte der Regenbogen als Maler persönlich den Pinsel geschwungen. Dunkelgrünes Wasser und strahlend gelbe Dünen, orangefarbene Wiesen und violett leuchtende Baumkronen, indigofarbene Straßen, rote und blaue Häuser und Scheunen.
„Wow“, Claudia blieb der Mund offen stehen, „das ist gigantisch.“
„Toll, nicht wahr? Ich wusste doch, dass es dir gefällt. Warte nur, bis du Mel, Mil und Mol triffst. Und hey, sieh mal, wen haben wir denn da?“ Nick zeigte aufgeregt in die Richtung eines enormen Baumes, dessen purpurnen Blüten einen herrlichen Duft verströmten.
Anfangs wusste Claudia nicht recht, worauf Nick deutete. Aber dann kam eine Herde kleiner, ja, nun, kleiner Tiere – Tiere waren es definitiv – zum Vorschein. Sie sahen aus wie Miniaturwasserbüffel. Nur dass ihre verhältnismäßig großen Füße denen eines Straußes glichen, ihr Fell, wie sollte es anders sein, in Regenbogenfarben schimmerte und ihre Hälse mit einer Art Pferdemähne besetzt war.
„Ähm, Nick?“
„Was gibt’s?“
„Was genau sind das für Tiere?“
„Sind sie nicht einmalig? Das sind Bowos. Keine Angst, sie sind vollkommen harmlos und wenn sie ausgewachsen sind, erreichen sie in etwa die Größe eines Bernhardiners. Sie nehmen das Sonnenlicht auf und speichern es. Siehst du, wenn ihre Farben ganz intensiv leuchten, ist ihre Speicherkapazität erreicht. Dann werden sie von der Weide in die Stallanlage gebracht, wo sie abgebürstet werden. Auf diese Weise wird hier unter anderem Energie für die Wärme- und Stromversorgung gewonnen und für die Bowos springt ein Wohlfühlerlebnis dabei heraus. Genial, was?“
„Das … das ist verblüffend. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Ich meine, all das ist einfach wie ein Traum.“ Claudia versuchte sich zu sammeln, um ihre Aufmerksamkeit ganz den Bowos zu widmen.
Außerdem gab es noch so viel mehr zu entdecken. Nick nahm Claudia bei der Hand und schleifte sie nahezu hinter sich her. Er legte ein Höllentempo an den Tag. Der Junge sprudelte förmlich über von Begeisterung darüber, sein Geheimnis endlich mit jemandem teilen zu können.

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Wer Mel, Mil und Mol waren, sollte Claudia auch bald erfahren. Das waren die aufgeweckten Drillinge des örtlichen Lumieres.
„Bodo, unser Vater, ist als Lumiere dafür verantwortlich, dass unser Dorf stets mit genügend Licht versorgt ist“, erklärte Mil mit einem schelmischen Lachen. Ihre regenbogenfarbenen Haare standen in sämtliche Himmelsrichtungen ab.
„Genau, da gibt’s immer eine Menge zu tun. Wir fangen das Sonnenlicht in riesigen Trichtern auf, von wo aus es in die sogenannten Spiegelsilos geleitet wird. Dort wird es dann in die verschiedenen Intensitäten eingeteilt“, Mel nickte nachdrücklich, während Claudia ihre Gedanken kaum zu ordnen vermochte.
„Ihr wisst schon“, ergänzte Mol mit großen Augen, „für eine Taschenlampe braucht man nicht so eine große Strahlkraft wie für eine Zimmerlampe, ganz zu schweigen von den OPLampen. Dafür muss das Licht eine ganz besondere Qualität aufweisen."
Claudia und Nick folgten den drei quirligen Mädchen, die ohne Punkt und Komma plauderten und ihren Besuchern amüsiert gegenüberstanden, als diese beteuerten noch nie zuvor einen Kawalallibaum gesehen zu haben.
Mel begann eifrig zu erklären: „Also, der Kawalalli ist ein Baum, dessen Früchte nicht geerntet werden, weil sie nur Saft produzieren, wenn die direkt mit dem Baum selbst verbunden sind. Schaut mal, ist eine Frucht reif, dann leuchtet sie quittengelb. Wir bringen dann einen Schlauch an der Frucht an und melken den Baum auf diese Art. Der Saft ist unglaublich lecker und er sorgt gleichzeitig für Wunschträume.“
Mil zog daraufhin eine verkorkte Falsche Kawalallisaft auf ihrem Rucksack, öffnete diese mit einem ‚Plop’ und reichte sie an Claudia weiter. Dankend griff Claudia zu und setzte die Flasche an den Mund. Ein fruchtiger Duft strömte ihr entgegen. Eine Sekunde später explodierte ein wahres Feuerwerk der Aromen in ihrem Mund.
„Köstlich! Ehrlich, super lecker!“, Claudia streckte Nick die Flasche entgegen, nachdem sie diese bereits halb geleert hatte. Sie hätte den gesamten Inhalt in noch einem Zug ausgetrunken. Allerdings wollte sie keinesfalls unhöflich sein.

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Die Zeit verging wie im Flug und als die Sonne über dem Meer die Farbe einer Blutorange annahm, verabschiedeten sich Claudia und Nick von den liebenswürdigen Drillingen und brachen Richtung Regenbogen auf.
„Und passt auf, dass nicht wieder so ein freches Bowo den Weg über den Regenbogen findet. Ihr seid auf eurer Seite des Portals den Anblick dieser netten Tierchen noch nicht gewohnt“, rief Mol Claudia und Nick feixend hinterher.
Das Portal öffnete sich nur zwei Mal am Tag. Das erste Mal zur späten Mittagszeit und dann noch einmal bei Sonnenuntergang. Würden die beiden also heute noch zurück wollen, mussten sie die Beine in die Hand nehmen.

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Am nächsten Morgen wachte Claudia mit dem rhythmischen Rauschen der Wellen, dem prägnanten Kreischen der Möwen und dem schrillen Klingeln der Eieruhr auf. Klara Sommer war wohl bereits rührig dabei, das ausgedehnte Urlaubsfrühstück vorzubereiten.
Claudia blinzelte erst noch verschlafen. Dann vernahm sie wieder dieses seichte Flirren und mit einem Schlag waren die Erinnerungen an den verrückten gestrigen Tag allgegenwärtig. 
Sie musste nur gerade scharf nachdenken: Hatte sie das alles nur geträumt – die Wunschträume kamen ihr in den Sinn – oder war sie tatsächlich mit Nick über den Regenbogen spaziert? Ein wenig irreal schien ihr das Ganze schon. Doch das Lachen der Drillinge hallte noch in ihrem Kopf nach und die spritzige Süße des Kawalallisafts prickelte auf der Zunge. ‚Wie schön wäre es, wenn dieses Erlebnis real gewesen wäre? Dann könnte mir das Mittelmeer für ewig gestohlen bleiben’, dachte Claudia, als sie sich aus ihrem flauschigen Bett stieg.
Eine Minute später hatte die das breiteste Grinsen der gesamten Insel im Gesicht. Denn als sie in den Spiegel ihrer Kommode schaute, entdeckte sie, dass die Spitzen ihrer sonst so blonden Lockenpracht den leichten Glanz bunter Regenbogenfarben angenommen hatten.

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Samstag, 1. September 2012

[Rezension] Hinter dem Mond (Wäis Kiani)

Wäis Kiani: Hinter dem Mond 

Das Rezensionsexemplar dieses Buches flatterte mir durch eine Leserunde bei LovelyBooks ins Bücherregal. 
Der von Hoffmann und Campe verlegte Roman erzählt die bewegende und vielschichtige Geschichte der jungen Perserin Lilly, die aus einer heilen Welt herausgerissen wird, um nach Teheran - was gleichzusetzen ist mit "hinter dem Mond" - zu ziehen.
Ich habe das Buch gern gelesen, auch wenn es mich in gewisser Hinsicht doch überrascht hat. Ehrliche Einblicke in die (uns Europäern) fremde Kultur hatte ich erwartet, ebenso die vielen Emotionen. Doch der angeschlagene Ton und die nicht vorhandenen menschlichen Werte hätte ich so nicht erwartet. Nichtsdestotrotz oder gerade deshalb eine Reise, die sich lohnt!


~ Rezension ~

Zwischen zwei Welten

1970er Jahre, Ostfriesland: Die neunjährige Lilly lebt mit ihren persischen Eltern in einem ländlichen Idyll, in dem Kinder noch mit Schmutz an den Kleidern und Schürfwunden an den Knien zufrieden vom Spielen zurückkehren dürfen.
Doch dann verschlägt es das lebhafte Mädchen in eine vollkommen andere Welt, als ihre Eltern beschließen, zurück in den Iran zu ziehen. Dort herrschen strenge Sitten und für Lilly völlig befremdliche Umgangsformen. Die Sprache, das Essen, die Menschen – all das ist ihr zuwider, denn sie fühlt sich um den Luxus der eigenen Freiheit gebracht.
Ein politischer Umbruch, dessen Folgen die Bevölkerung – besonders die junge Generation – tief im Mark erschüttert, tut das Übrige, um Lillys Verachtung zu schüren.

Wäis Kiani kreierte mit Hinter dem Mond ein starkes Werk, welches von Gegensätzen nur so geprägt ist. Kulturen und individuelle Einstellungen prallen aufeinander.
Lilly wird als charakterstarke Hauptfigur gezeichnet. Als Leser fühlte ich einerseits sehr mit ihr, anderseits erschreckte mich ihre respektlose Haltung gegenüber Gott und der Welt. Ein Widerspruch, von dem das Buch lebt. Lillys Schicksal berührt und lässt einen zugleich den Kopf schütteln. Ihren Weg prägen Respektlosigkeit und Widerwillen kombiniert mit dem verwurzelten Wunsch nach Anerkennung und Geborgenheit.

Es ist besonders auffällig, wie sehr der oberflächliche Schein und das Streben nach Luxus im Vordergrund stehen, während das zwischenmenschliche Miteinander vorwiegend von verbalen und körperlichen Übergriffen dominiert wird. Die Sprache – sowohl die Situationsbeschreibungen als auch die Dialoge – spielen in diesem Buch daher in vielerlei Hinsicht eine tragende Rolle.

Der Autorin gelingt es, die Sicht eines widerwilligen Teenagers inmitten großer, rauer und interkultureller Kulisse authentisch aufzuzeigen. Die Darstellungen lassen den Leser des Öfteren ins Grübeln kommen. In Erinnerung werden vor allem die tiefe familiäre Feindseligkeiten sowie das Festhalten an trivialen Luxuswerten bleiben.
Weder Land noch Leute werden betont sympathisch gezeigt, doch gerade diese Tatsache gibt den Anstoß zum Nachdenken.

F★ZIT: Aufwühlend. Rebellierend. Unverhüllt.