"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}

Dienstag, 24. März 2015

[Rezension] Burnout-Kids (Michael Schulte-Markwort)

Michael Schulte-Markwort: Burnout-Kids 

Wenn das dringliche und vor allem zeitgleiche Streben nach Qualität und Quantität das Leben unserer Kinder derartig bestimmt, dass es aus den Fugen gerät, dann ist dies ein untrügliches Zeichen dafür, dass ein bedeutsames Fehldenken in unserer Gesellschaft Einzug gehalten hat.

Leistungsdruck und Stress, Erschöpfung und Enttäuschung legen sich wie ein dunkler Schatten um viele Kinderzimmer. Traurig, aber wahr. Handlungsbedarf en masse besteht!

Mein Dank gilt in diesem Falle dem Pattloch Verlag für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar dieses nicht unwichtigen Werks!

Cover: Pattloch Verlag


~ Rezension ~

Wenn Leistungsdruck das eigene Spiegelbild verzerrt.

Seit einigen Jahren beobachtet der Kinder- und Jugendpsychiater Professor Dr. Michael Schulte-Markwort eine mehr als beunruhigende Entwicklung: Mehr und mehr Familien mit Kindern und Jugendlichen, die am Ende ihrer psychischen und physischen Kräfte sind, wenden sich Hilfe suchend an ihn. Diagnose: Erschöpfungsdepression, sprich Burnout. Doch welche schmerzhaften Ursachen hat es, dass zunehmend auch die jungen Patienten geradezu ausbrennen? Was führt dazu, dass unbeschwerte Neugier und aufgeweckter Lebenshunger unter der Last von Zeitmanagement, Leistungsorientierung und Zukunftsangst regelrecht begraben werden? Und noch viel wichtiger: Wie können wir diese brenzlichen Tendenzen zum Stillstand bringen?

Burnout-Kids — Wie das Prinzip Leistung unsere Kinder überfordert von Michael Schulte-Markwort ist ein Buch, das fundiert kompetent den Finger in eine Wunde legt, die es zu heilen gilt. Burnout bei Kindern und Jugendlichen ist eine Diagnose, die nicht länger flüsternd kommuniziert werden darf. Alles andere als das! Sich stellvertretend für seine Patienten Gehör zu verschaffen, das ist das große Anliegen des Autors.

In seinen breit angelegten Ausführungen fächert Michael Schulte-Markwort die Thematik der Burnout-Kids anhand fünf konkreter Fälle aus seiner alltäglichen Arbeitspraxis auf. Fünf verschiedene Kinder und Jugendliche, die das übermächtige Gefühl der Überforderung in die Knie gezwungen hat. Dieser Querschnitt durch die Patientenkartei unterstreicht, die mürbende Vielfältigkeit, in der übermäßige Erschöpfung sich offenbaren kann. Persönlicher Ehrgeiz und unterdrückte Angst können ebenso der Ursprung der Krankheit sein wie generationsübergreifende Existenzbedrohung und ein verschoben vermitteltes Bild gesellschaftlicher Normen.

Immer schneller. Immer besser. Immer mehr. Die Leistungsbereitschaft, die bereits ab dem Kindergartenalter vielerorts als selbstverständlich angenommen wird, entspricht bei Weitem keinen altersgerechten Denken, Handeln und Empfinden mehr. Wenngleich die Vielschichtigkeit gegebener Möglichkeiten unser aller Leben zusehends bereichert, so beschleunigt sich die Komplexität des Inputs andererseits. Aus gut gemeinter Intention wird somit rasch ein Hamsterrad, aus dem es nur schwerlich ein Entrinnen gibt. Die folgende vom Autor gewählte Metapher finde ich sehr prägnant und aussagekräftig: Die Kinder seien die Thermometer unserer Zeit. Und während die Temperatur steigt, sei das einzige Mittel zur Linderung unsererseits der Wadenwickel ...

Eine aufgeschlossene, reflektierende und zu Recht mahnende Darstellung von Praxiserfahrung prägen die Kapitel des Buchs. Die unterschiedlichen Komponenten des Lebens — Familie und Schule, Freizeit und Gesellschaft — bedenkt der Autor mit Worten, die zum Innehalten und vor allem zum Umdenken bewegen sollen. Denn Burnout hat einen komplexen Hintergrund, den es mit Sensibilität zu erörtern heißt.

Michael Schulte-Markwort macht deutlich, dass Burnout (bei Kids) keine x-beliebige, geschweige denn leichtfertig getroffene Diagnose ist. Dass sie allerdings gegenwärtig immer öfter, immer früher tatsächlich zutrifft, sollte ein Zeichen dafür sein, dass unsere Gesellschaft gewisse Ansprüche, Wertigkeiten und Pflichten umformen sollte. Muss. 

FZIT: Betonend. Lebensecht. Verantwortungsbewusst.


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