"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}
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Dienstag, 26. Mai 2015

[Rezension] Tiefschwarze Melodie (Catherine Shepherd)

Catherine Shepherd: Tiefschwarze Melodie 

Nachdem mich bereits der Vorgänger dieses historischen Thrillers, Auf den Flügeln der Angst, auf Anhieb von sich überzeugen konnte, war ich selbstverständlich sofort ganz Ohr, als Catherine Shepherd mir von ihrem neusten Werk berichtete.

Was kann ich sagen? Auch dieses Mal ziehe ich den Hut vor der Autorin, der es offensichtlich nicht die kleinste Mühe bereitet, ihre Leser auf eine Zeitreise der besonders packenden Art zu schicken. Denn selbst wer (wie ich) für gewöhnlich nicht der allereifrigste Leser von historischen Romane ist, wird förmlich zum "Genrehopping" animiert. Liebe Catherine Shepherd, danke schön dafür und für das großzügig zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar!

Cover: Kafel Verlag 


~ Rezension ~

Klänge der Vergangenheit werfen Schatten in die Gegenwart

Zons im Mittelalter: Die Stadt, allen voran Stadtsoldat Bastian Mühlenberg, verfolgt die mysteriöse Spur eines Frauenmörders, dessen Taten von Gewissenlosigkeit getränkt sind.
Zons heute: Polizist Oliver Bergmann und sein Team jagen einem brutalen Mörder, der seine weiblichen Opfer in blindem Wahn hinzurichten scheint. Der einzige verwertbare Anhaltspunkt lässt Oliver Bergmann schaudern. Denn jede der getöteten Frauen hält ein kleines Stück Papier in der Hand, auf dem der Auszug einer Komposition zu erkennen ist. Ein Musikstück aus dem Jahr 1497, dessen Finale noch längst nicht erreicht ist. 

Tiefschwarze Melodie heißt Catherine Shepherds mittlerweile fünfter Zons-Krimi, mit dem die Autorin die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart aufs Fesselndste zu schlagen weiß.

Die beiden ermittelnden Protagonisten, Bastian Mühlenberg und Oliver Bergmann, sind wieder einmal gezwungen, bis an die Grenzen ihrer Fähigkeiten zu dringen. Ein wahnsinniger Mörder scheint Katz und Maus mit ihnen zu spielen. Eine Unerträglichkeit, die Catherine Shepherd packend herausarbeitet. Auf diese Weise wird für den Leser — bei aller Professionalität der Gesetzeshüter — die Menschlichkeit zu einer greifbaren Komponente. 

Abermals verknüpft die Autorin auf Haupt- und Nebenschauplätzen ein Stück Historie Zons mit einer ausgeklügelten Fiktion, die nicht unreal anmutet. Ein Geschick, das mich besonders fasziniert. Ohne Langatmigkeiten und dennoch im richtigen Maße betont beinhaltet dieser Roman Spannung, die Jahrhunderte überdauert. Die Recherchearbeit, die dieses Buch beinhaltet, kann man nur erahnen. Zahlreiche fundierte Kleinigkeiten, bei denen der Teufel im wahrsten Sinne des Wortes im Detail steckt, eröffnen einen Blick auf Zons, der nicht alltäglich ist.

Mittels einer wechselnden Perspektive sieht der Leser die Geschehnisse einerseits aus Sicht des entschlossenen Ermittler und andererseits durch die kranken Augen eines lange Zeit aalglatten Täters. Hierbei polarisiert insbesondere Letzterer.

Ein Thriller, der zweifelsohne an die Intensität, Dynamik und Begeisterung für (Stadt-) Geschichte seiner Vorgänger anschließt. Gut und Böse, Gerechtigkeit und Vergeltung bäumen sich zu einem Crescendo auf, das nur allmählich verhallt.

FZIT: Filigran. Erschütternd. Verknotet.


Dienstag, 30. April 2013

[Rezension] Die Bucht des blauen Feuers (Micaela Jary)

Micaela Jary: Die Bucht des blauen Feuers 

Im Grunde gilt meine größte Vorliebe nicht zwangsläufig Romanen, die auf allzu historischem Kontext basieren. Doch dieses im Goldmann Verlag erschienene Buch, wie heißt es so schön, holte mich im Hier und Jetzt ab und katapultierte mich direkt und ohne die winzigste Komplikation gute 100 Jahre in die Vergangenheit. 
Neben der angenehmen Erzählweise packte mich vor allem die stets präsente Assoziation an die Überfahrt auf der "Titanic". Gut, in dieser Geschichten spielen weder Eisberge noch dramatische Liebesszenen inmitten des Atlantiks eine Rolle, doch das Flair an Bord der "Windhuk" erinnerte mich aus irgendeinem Grund immer wieder an das auf dem besagten Luxusliner. Tja, Sachen gibt's ...


~ Rezension ~

Berlin im Jahre 1909: Die junge Fotografin Emma Thieme erfährt kurz nach der Beerdigung ihres Vaters, dass ihre totgeglaubte Mutter noch lebt. Constanze Thieme hat es nach Südwest-Deutschland, dort wo seit kurzem das Diamantenfieber tobt, verschlagen. Doch weshalb hatte sie ihre Familie vor zwölf Jahren von jetzt auf gleich verlassen? Kurzerhand beschließt Emma gemeinsam mit ihrer Bekannten Dorothee von Hirschberg in die Lüderitzbucht aufzubrechen, um ihrer Mutter ebendiese Frage zu stellen. Neue Bekanntschaften, ungeahnte Offenbarungen und das Streben nach Unabhängigkeit fordern Emmas (Willens-) Stärke jedoch mehr, als sie geahnt hätte. Welchen Preis ist sie bereit zu zahlen?

Die Bucht des blauen Feuers empfinde ich als einen historischen Roman, für den der Leser - in Anlehnung an den Titel - wirklich brennen kann. Liebevolle und fundiert recherchierte zeitgenössische Details pflegt Micaela Jary in die Handlung derart unterhaltend ein, dass ein Stück Geschichte dabei zum Leben erweckt wird.

Neben starken, erbittert kämpfenden und dennoch verletzlichen Frauenbildern, welche die Handlung dominieren, prägt die Bilderbuchkulisse der Lüderitzbucht das Geschehen ebenso wie das sehnsuchtsvolle Verlangen nach einem Stückchen heile Welt. Allerdings währt das Paradies nicht lang und wird durch ein wohl gehütetes Familiengeheimnis aufgewühlt.

Die Geschichte hat mich von Beginn an gepackt, was nicht zuletzt an der authentischen, überzeugend dargebotenen Erzählweise lag. Diese gleicht einem Medley aus seichten Tönen und episodenhaftem Aufbegehren, einem Paukenschlag und einem in Hoffnung schwelgendem Flüstern. 
Die ausgefeilte Rhetorik in Kombination mit den markanten, vom Schicksal gebeutelten Charakteren - allen voran Emma und Constanze sowie die Pianistin Dorothee - und der Entwicklung eines kraftvollen Handlungsstrangs ergaben für mich eine vorzügliche Mischung. 

In emotionale Tiefe entführte mich insbesondere die ungewisse Mutter-Tochter-Bindung, während die übrigen Figuren meist die ihnen zugeschriebene Fassung bewahren, liegt hier der Fokus auf der Enthüllung von Gefühlen. Nichtsdestotrotz lodert das blaue Feuer in der Lüderitzbucht, denn dem Rausch der Diamanten können sich nur die wenigsten entziehen.

Das recht offen gestaltete Ende entspricht dem Tenor des Buches, obgleich den Leser an dieser Stelle keine absoluten Überraschungen mehr erwarten. Doch gerade jene Mischung aus Vorbestimmtheit und Wagemut gefiel mir gut.

Insgesamt macht dieser Roman seinem Titel alle Ehre, ist er doch - von Cover bis Buchrücken ein wirkliches Schmuckstück, welches als Schätzchen sogar eine Postkarte im herrlichsten Bilderbuchdesign mit sich bringt. Für geschichtsaffine Leser, die sich dem frühen 20. Jahrhundert besonders verbunden fühlen, ist eine Überfahrt nach Schwarzafrika mit diesem Buch unterm Arm mehr als zu empfehlen. 

FZIT: Historisch. Exotisch. Ungewiss.