"Wer bereits als Kind die Welt zwischen den Zeilen für sich entdeckt, geht auch später gern als Abenteurer durchs Leben." {Creativity First}
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Mittwoch, 30. Oktober 2013

[Rezension] Für immer mein (Ellen Dunne)

Ellen Dunne: Für immer mein 

Dass ich auch den zweiten Roman aus der Feder von Ellen Dunne lesen würde, stand außer Frage. Doch als ich erfuhr, worum es darin gehen würde — nämlich um einen Autor auf der Suche nach sich selbst —, war ich umso angetaner. Denn Geschichten, welche das Sein eines Autors tangieren, in welcher Art und Weise auch immer, kann ich nur schwer widerstehen. Hm, warum nur?
Noch eine Schippe wurde dieser Vorfreude aufgesetzt, als Ellen Dunne persönlich anbot, mir eines ihrer unlängst erschienenen E-Books zukommen zu lassen. Was sagt man dazu? Danke schön!!!

Bild: Eire Verlag


~ Rezension ~

Wenn die Antwort auf eine brennende Frage Öl ins Feuer gibt.

Er ist Autor geworden. Doch er schreibt weder Kriminalromane noch Fantasy. Es schreibt Biographien. Weshalb er, Tarek Waldmann, sich entschieden hat, gerade diesen schriftstellerischen Weg zu gehen? Weil er selbst als Adoptivkind seine Wurzeln nicht kennt und daher glaubt, keine eigene Geschichte zu haben. Deshalb erzählt er die der anderen. Doch als er einwilligt, die Lebensgeschichte der in Wien lebenden Helga in Worte zu fassen, ahnt er nicht, wie sehr er damit plötzlich doch der eigenen Vergangenheit, die bisher in diffusen Schatten gehüllt war, nahe kommen würde. Allerdings ist diese Mischung aus Vertrautheit und Unbehagen, die er Helga gegenüber empfindet, nicht sein einziges Problem. Denn auch die Begegnung mit seiner ersten Liebe und das Klammern seiner jetzigen Partnerin drängen Tarek dazu, Entscheidungen zu treffen, denen er sich nicht gewachsen fühlt. Mit einem Mal bringt ihn die Zentrifugalkraft des Lebens heftig ins Schlingern.

Für ihr zweites Werk, Für immer mein, ließ es sich Ellen Dunne nicht nehmen, die Emotionalität eines Menschen aufs Feinste zu sezieren. Sie schreckte nicht davor zurück, eine historische Ära als Leinwand zu nutzen, die ein polarisierendes Gesellschaftsbild prägte. Sie beweist (erneut), dass ihr Herz für die Komplexität schlägt.

Mit Tarek Waldmann erweckte Ellen Dunne eine Hauptfigur zum Leben, auf die wohl die Bezeichnung "harte Schale, weicher Kern" sehr idealtypisch zutrifft. Denn während er sich nach außen als abgeklärt, geläutert und geradlinig entschlossen gibt, brodelt es in ihm und Ungewissheit und Ruhelosigkeit bestimmen seine Berufung. Als Adoptivkind, das aus der ehemaligen DDR stammt, blieb ihm seit jeher seine Herkunft ungeklärt. Eine Tatsache, die ihre Spuren hinterlässt — möge er noch so behütet aufgewachsen sein.

An dieser Stelle spielt die Autorin ihren ersten Trumpf aus: die intensive Auseinandersetzung mit einem Schicksal, das eine Stellvertreterrolle einnimmt, und die tiefgründige Reflexion dessen. Dementsprechend modellierte sie auch das übrige Figurenensemble mit großer Detailschärfe, wodurch dem Leser ein breit gefächertes Spektrum an Sichtweisen und Emotionen aufgezeigt wird.
Um dies zu unterstreichen, wird die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive Tareks, wobei hier ein außenstehender Erzähler ins Bild tritt, und aus dem Blickwinkel Helgas, die als Ich-Erzählerin agiert, wiedergegeben.

Was mich sogar noch mehr als jener erste Schachzug Ellen Dunnes beeindruckt hat, ist ihr zweiter Streich. Dieser besteht in einer umwerfend guten Rhetorik, deren Spitze eine Bildmalerei im 3D-Format darstellt. Ob eine Kälte, die sich wie Scherben in die Fußsohlen bohrt, oder eine Zunge, deren Schärfe der eines Floretts gleichkommt — ich wurde schlicht und ergreifend mitgerissen.

Hinsichtlich der Handlung kann festgehalten werden, dass der Spannungsbogen, der in einem mehr oder minder offenen Ende mündet, mit zunehmender Länge stets überzeugender wurde. Denn bei diesem Roman handelt es sich nicht nur um eine tragische Familiengeschichte, deren Klärung auf Messers Schneide steht, sondern ebenfalls um einen Krimi, der auf leisen, aber umso akribischer geplanten Sohlen daherschleicht. Clever.

In der Summe ein Buch, der von den Bürden des Lebens und den unterschiedlichen Weisen, sich diesen zu stellen, erzählt. Innere Zerrissenheit, Grenzüberschreitung — in mehrfacher Hinsicht — und Endgültigkeit charakterisieren diesen Roman ebenso wie die Bereitschaft zu Neuanfängen. Wer an der Seite markanter Figuren eine Runde auf der Gefühlsachterbahn, deren Ausgang mitunter tödlich sein kann, drehen möchte, dem sei jenes Buch mehr als empfohlen.

F★ZIT: Explosiv. Ergreifend. Eloquent.


Freitag, 1. März 2013

[Rezension] Wie du mir (Ellen Dunne)

Ellen Dunne: Wie du mir

Ein Roman, der seinen Weg im eBook-Format über die Autorin selbst zu mir gefunden hat. Eine Reise nach Irland, die wenig von malerischem Idyll und unendlich anmutender Freiheit an sich hat, sondern vielmehr beängstigend ungeschönt die Ecken und Kanten des Landes aufgreift. Der politische Kampf um Souveränität, das persönliche Bestreben nach Revanche sowie die eigene Selbstverwirklichung werden in diesem Debütroman der Autorin, der im Eire Verlag erschienen ist, anvisiert. Doch Vorsicht, eine falsche Entscheidung, ein unbeabsichtigtes Missgeschick und schon verlagert sich die Schussbahn und die nächste Kugel könnte für dich bestimmt sein ... Vielen Dank für dieses an Brisanz auflodernde Lesevergnügen, liebe Ellen!


~ Rezension ~

Belfast, Hauptstadt Nordirlands und Kulisse dramatischer paramilitärischer Kämpfe: Kriminalpolizist Will McCrea soll durch das IRA-Mitglied Dally Ferguson eliminiert werden. Doch der Anschlag verläuft alles andere als nach Plan und trifft stattdessen Wills Ehefrau Jenny tödlich. Nach der Schockstarre wird Will nur noch von dem Gedanken getrieben, Jennys unsinnigen Tod zu rächen. Doch trotz all seiner beruflichen Erfahrung ist der Grat zwischen Vergeltung und Recht schmal. Es gilt höchste Alarmbereitschaft!

Wie du mir, Ellen Dunnes erster Roman, gleicht einem echten Hochkaräter. Ein kraftvoller, dunkler Krimi, der den Balanceakt zwischen der schwierigen und hart umkämpften politischen Lage Irlands sowie den schmerzvollen Prozess der Trauer sehr gelungen vor Augen führt.

Eine bildhafte und ehrliche Erzählung schildert ungeschminkt die derbe und raue Seite des stets gegenwärtigen Kampf ums Überleben, wenn man zwischen die politischen Fronten gerät. 

Das von männlichen Protagonisten dominierte Ensemble an Figuren wird tiefgründig beleuchtet und der harsche Jargon der konfliktträchtigen Atmosphäre wirkt durchweg sehr authentisch. Dass Verrat keinesfalls geduldet wird und Brutalität in IRA-Kreisen an der Tagesordnung ist, veranschaulicht Ellen Dunne anhand ihrer fiktiv geschaffenen Handlung ohne die Augen vor der Wahrheit zu verschließen. Dass dabei gelegentlich ein Funken von Herzen kommende Emotion Eingang in die Handlung findet, hat mir richtig gut gefallen.

Aufgrund der Vielzahl an involvierten Figuren, deren Namensvielfalt und den verflochtenen Beziehungen zueinander ist es zu empfehlen, sich dem Buch mit großer Konzentration zu widmen. 

Was die Erzählpersepktive betrifft, so findet ein ausgeglichenes Wechselspiel zwischen der Polizei und den IRA-Kämpfern statt. Dadurch ergibt sich ein umfassender und energiegeladener Schlagabtausch, dessen Ausgang nicht abzusehen ist. Für mich als Leser blieb die Spannung somit bis zum letzten Kapitel bestehen.

Die detaillierte Recherche der Autorin, welche der ausgeklügelten und realitätsnahen Handlung zugrunde liegt, ist deutlich spürbar und verleiht dem Werk eine zusätzliche Wirksamkeit. Skrupellose Gewalt, fieberhaft angestrebte Vergeltung und Loyalität - Tatsachen, die an den Leser herangetragen werden und absorbieren.

Abschließend sei gesagt, dass es sich bei diesem Krimi um ein deftiges Stück Literatur handelt, welches nicht nebenbei, sondern mit kompletter Aufmerksamkeit gelesen werden sollte. Denn es entspricht keiner leichten Vorspeise oder einem fluffigen Dessert, sondern vielmehr typisch irischer Hausmannskost, die herzhaft abgeschmeckt ist.

F★ZIT: Temporeich. Ausgereift. Einschneidend.